Beren und Lúthien

von J. R. R. Tolkien, Christopher Tolkien (Hrsg.)
Rezension von Stefan Cernohuby | 31. Juli 2017

Beren und Lúthien

In vielen großen Epen stecken Einzelgeschichten, die im großen Ganzen beinahe untergehen, weil sie nur am Rande behandelt werden, obwohl sie für eine wichtige Aussage oder ein zentrales Motiv relevant sind. Eine dieser Geschichten ist „Beren und Lúthien“ von J. R. R. Tolkien. Christopher Tolkien, sein Sohn, hat sich als letzte große Aufgabe als Autor vorgenommen, das für die Welt von Mittelerde zentrale Thema der tragischen Liebe aus allen unterschiedlichen Werken zu extrahieren.

In den letzten Jahrzehnten erschienen immer weitere Werke von J. R. R. Tolkien, bei denen es sich um mehr oder weniger unveröffentlichte Manuskripte handelte, die von seinem Sohn Christopher bearbeitet und herausgegeben wurden – allesamt solide Arbeiten. Gleich im Vorwort wird aber klargestellt, dass dies hier nicht der Fall ist. Es geht um die Herauslösung der Legende von Beren und Lúthien aus dem Gesamtkontext, mitsamt ihrer Entwicklung. Zuerst werden noch die relevanten Charaktere und ihre unterschiedlichen Namen in verschiedenen Fassungen vorgestellt. Dann wird die erste Geschichte erzählt, in der Morgoth noch einen Diener aus ersten Tagen hat, dem Beren nach seinem missglückten Versuch, einen Silmaril aus seiner Krone zu stehlen, übergeben wird. Hier ist er Fürst Tevildo, Herr der Katzen. Obwohl er Katzengestalt hat und mit Hunden verfeindet ist, wird angedeutet, dass er ein böser Geist ist, der in einem Katzenkörper steckt. Doch auch in verschiedenen Gedichten wurde die Legende verarbeitet. Eines davon ist das Leithiand-Lied, in dem man bereits einige Unterschiede entdeckt. In der sogenannten Quenta gibt es bereits eine stark abweichende Fassung, in der welcher aus dem Herrn der Katzen ein Herr der Werwölfe geworden ist – der spätere Sauron. Auch auf einige Zwischenversionen und leider überschriebene Entwürfe wird eingegangen und die Entwicklung genauer skizziert.

Es gibt mit Bestimmtheit eine Menge Interessierter, die aufgrund der akkuraten Recherchen und der verschiedenen in dieser Form nicht zugänglicher Quellen inklusive der Kommentare von Christopher Tolkien komplett aus dem Häuschen sind. Denn eines kann man dem Werk nicht absprechen, die Faszination darüber, wie in einer fiktiven Welt in einem spannenden Entstehungsprozess eine eigene Mythologie entstand, die wie bei einer heutigen Religion, einen Entwicklungsprozess durchmachte, bis sie einen Letztstand erreichte. Dieser würde sich sicherlich noch weiterentwickeln, wäre nicht der einzige, der auf diesen Prozess wirklichen Einfluss hatte, bereits vor über 40 Jahren verstorben. Erzähltechnisch bietet „Beren und Lúthien“ wie schon in der Einleitung des Buchs erwähnt, nichts Neues. Das könnte der Negativpunkt der Ausgabe sein, denn trotz der stimmungsvollen und exklusiven Illustrationen von Alan Lee ist die Ausrichtung des Werks zumindest in der deutschsprachigen Version nirgendwo erkennbar angebracht. Das lässt einen das Werk mit zweierlei Augen betrachten. Mit jenen des absoluten Tolkien-Fans, welcher der Verfasser dieser Rezension ist, und auch mit denen des Normallesers, der sich hier auf ein mehr oder weniger neues Werk von Tolkien freut. Des einen Freud ist des anderen Leid. Einem sehr gelungenen Werk für den einen steht ein – wenn überhaupt – durchschnittliches Werk für den anderen gegenüber. Dementsprechend stellt unsere Bewertung auch eine Kompromisslösung dar.

Beren und Luthien

„Beren und Lúthien“ ist eine tolle Ergänzung für alle fanatischen Tolkien-Jünger, weil in dieser die Entwicklung einer zentralen Handlung in nie geahnter Form erarbeitet wird. Für Gelegenheitsleser und solche, die eventuell nur den „Herrn der Ringe“ und den „Hobbit“ kennen, wird das Werk eher zu einer Enttäuschung werden – denn die eigentliche Geschichte macht nur einen Bruchteil des Buchs aus, in welches der bereits greise Christopher Tolkien wohl seine letzte literarische Leistung vollbracht hat. Insofern können wir den Band für Experten nur empfehlen, während wir Quereinsteigern schweren Herzens raten müssen, lieber zu einem anderen Buch zu greifen.

Details

Bewertung

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