POST OTTO WAGNER


Von der Postsparkasse zur Postmoderne
von Christian Thun-Hohenstein, Sebastian Hackenschmidt (Hrsg.)
Rezension von Michael Seirer | 05. Oktober 2018

POST OTTO WAGNER

Denkt man an berühmte Architekten aus Österreich, ist einer der ersten Namen die einfallen wohl der von Otto Wagner. Die Postsparkasse am Wiener Ring und die Kirche St. Leopold am Steinhof sind nur zwei seiner außergewöhnlichen Gebäude. Wie aber hat Otto Wagner die nachfolgenden Architekten und Designer beeinflusst? Immerhin gilt er als der letzte Architekt des 19. Jahrhunderts und der erste des 20. Jahrhunderts. Dazu war vom 30. Mai 2018 bis zum 30. September 2018 die Ausstellung „POST OTTO WAGNER. Von der Postsparkasse zur Postmoderne“ im Wiener MAK zu sehen. Begleitend dazu wurde im Birkhäuser Verlag eine gleichnamige Publikation von Sebastian Hackenschmidt, Iris Meder und Ákos Moravánszky gemeinsam verfasst, herausgegeben von Christoph Thun-Hohenstein und Sebastian Hackenschmidt.

Ebenso wie die Ausstellung ist das Buch in drei Bereiche gegliedert: Dimensionen, Formen und Konstruktionen. Zahlreiche Abbildungen, Fotografien und Planzeichnungen bieten tiefe Einblicke in die Gedankenwelt von Otto Wagner, seiner Schüler und nachfolgender Architekten und Designer. Besonders spannend ist das beispielsweise am Themenkomplex der modernen Großstadt und ihre sich ständig ändernden Anforderungen  zu sehen. Neben den Entwürfen von Otto Wagner selbst sind Ideen der totalitären Stadt von Albert Speer, rasterhaften Megastrukturen von nach amerikanischem Vorbild oder räumlichen Städtebau der sich amöbenhaften fortpflanzt von Hermann Czech im Buch angeführt. Auch wenn Wien nie so groß wurde wie Otto Wagner das vorhersah, wird mögliches Wachstum sehr plakativ durch die normierte Darstellung der Verkehrsnetze asiatischer Megastädte illustriert. Otto Wagner beschäftigte sich mit einer Vielzahl von Gebäudetypen. Er plante Wohngebäude, Villen, die Wiener Stadtbahnbögen, die Postsparkasse, Geschäfts-, Warenhäuser und Hotels. Ausgehend von Wagners Entwürfen und Konzepten illustriert das Buch die Abwandlungen und Weiterentwicklungen seiner Schüler und nachfolgender Architekten in verständlicher Weise. 

Beim Durchlesen des Buches trifft man auf viele bekannte Künstler: Koloman Moser, Josef Hoffmann, Leopold Bauer (Schüler), Frank LLoyd Wright, Rudolph M. Schindler. Sie alle griffen Ideen von Wagner auf und entwickelten sie auf ihre Art weiter. Hinzu kam, dass viele Schüler Wagners aus den Donaumonarchieländern stammten und nach ihrem Studium wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Dort kombinierten sie ihr Wissen mit nationalen und lokalen Elementen (vernakuläre Architektur).
Spannend zu sehen sind auch weniger bekannte Arbeiten von Wagner, wie zum Beispiel seine Entwürfe für Festzelte und Baldachine. Die spannende Fotografie-Serie „Postsparkassen-Splittings“ von Hagen Stier ist ebenfalls inkludiert. 

Der Katalog ist zweisprachig in Deutsch und Englisch ausgeführt und zeichnet sich durch eine gute, widerstandsfähige Schweizer Broschur aus, die beim flachen Aufblättern keine Brüche im Buchrücken verursachen. Das abwechslungsreiche Layout und ein Papier mit erhöhter Grammatur und samtmattem Finish bieten die Grundlage für einen guten Druck. Immerhin ist das Buch 1,7 Kilogramm schwer! Die zahlreichen historischen Fotografien, Plakate, Entwurfszeichnungen und Pläne ermöglichen einen guten Einblick in die Jahrzehnte nach Otto Wagner. Texte zur Wagner-Rezeption illustrieren die Beziehungen zwischen Wagner und anderen damaligen Architekten und Künstlern.

Wie würde Otto Wagner heute bauen? Diese Frage lässt sich natürlich nicht mit Sicherheit beantworten. Aber es lässt sich die Frage beantworten, wie nachfolgende Generationen von Architekten, Designern und Künstlern von Otto Wagner beeinflusst wurden. Er erkannte die Bedeutung von Technik und Ingenieurwesen früh und leitet daraus den „Nutzstil“ ab, dessen Formen sich durch Material, Konstruktion und Funktion ergeben sollten. Wagner bricht dadurch mit dem Historismus. Er interessierte sich für moderne Montagetechniken wie das Nieten und verwandelte diese in künstlerische Motive. Der Ausstellungskatalog „POST OTTO WAGNER“ zeigt diese Entwicklungen in ausführlicher und spannender Weise und bringt die Arbeiten nachfolgender Generationen in Beziehung zum Gesamtwerk von Otto Wagner.

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