Sechsunddreißig Wiener Aussichten

von Sebastian Hackenschmidt, Stefan Oláh (Fotograf/-in)
Rezension von Michael Seirer | 25. September 2017

Sechsunddreißig Wiener Aussichten

Sie sind bis weit über die Grenzen von Österreich bekannt: Die Ausblicke von Tourismusmagneten wie dem Belvedere oder der Gloriette. Doch selbst fotografisch zu Tode fotografierte Perspektive müssen nicht sein: Stefan Oláh hat dafür 36 Gebäude in Wien besucht und sie einmal als Ansicht von unten und ein zweites Mal als Aussicht von oben fotografiert. Unübliche Perspektiven und für die Öffentlichkeit nicht zugängliche Gebäude ergeben einen spannenden und durch die Texte von Sebastian Hackenschmidt lehrreichen Bildband.

Im Vorwort werden (Aus-)Blicke von landschaftlichen Erhöhungen historisch entweder als “wachsamer Spähblick oder als herrschaftlicher Vergnügungsblick” erklärt. Ab dem 16. Jahrhundert wandelten sich die Bauwerke von Burgen und Festungsanlagen in Schlösser, die den Ausblick zelebrierten (daher auch die Bezeichnung “Belvedere” oder “Bellevue”). Doch nur Aussichtstürme sind öffentlich zugänglich und damit für jedermann erlebbar. Viele private Bauwerke sind das nicht. Besonders seit dem vermehrten Entstehen von Hochhäusern in Wien ist deren Anblick allen Gesellschaftsschichten aufgezwungen, der Ausblick aber nur den Eigentümern möglich. Dieser Umstand wird umso eklatanter, je höher und dominanter Hochhäuser werden. Sebastian Hackenschmidt vertritt im Vorwort die These, dass der Eindruck, den ein Wolkenkratzer im Stadtbild hinterlässt, mindestens ebenso wichtig ist, wie der Blick hinunter von ebendiesem.

36 Aufnahmen ist kein Zufall sondern eine Hommage an die 36 Ansichten des Berges Fuji, die 36 Aussichten der Residenzstadt Wien von Carl Schütz/Franz Müller und auch “Les Trente-six Vues de la Tour Eiffel”.

Jede der 36 Ansichten wird zuerst textuell beschrieben, in einer stilisierten Karte von Wien inklusive Blickrichtung markiert und dann auf einer Doppelseite fotografisch abgebildet. Der Text liefert nicht nur wichtige Kontextinformation zum Bauwerk, sondern auch, warum es genau an dieser Stelle der Sequenz angesiedelt wurde. Kritische Anmerkungen zu aktuellen baulichen Problemstellungen, wie zum Beispiel die Gefährdung des Canaletto-Blickes durch ein massiv überhöhtes Gebäude oder auch die Restaurierung der Höhenstraße mit billigem Asphalt anstatt mit fachgerecht verlegten Granitblöcken, finden sich im Buch. 

Zu guter Letzt finden sich vertiefende Texte von Friedrich Liechtenstein (“Elevation”), Walter Seitter (“Ansicht, Aussicht”), Sabine Lata (“Wien in alten Ansichten”) und Harald R. Stühlinger ("Topographische Fotografie in Wien.”).

Die Fotos stammen von Stefan Oláh und wurden mittels analoger Großformatkamera aufgenommen. Sie sind immer in Paaren angeordnet: links die Ansicht, rechts die Aussicht. Um eine repräsentative Auswahl von für Wien typischen Bauwerken zu erlangen, wurden einige weniger bekannte Orte in das Buch aufgenommen, wie zum Beispiel der Lasalle-Hof.

Die Abbildungen wollen bewusst nicht mit möglichst außergewöhnlichen Perspektiven konkurrieren, wie sie Drohnenfotografie oder eine flächendeckende Abbildung a’la Google Earth bietet. Sie bedienen sich eines zeitgemäßen Looks, der sich durch einen unaufgeregten, sachlich-nüchternen Stil mit farblich gedämpftem Farbspektrum beschreiben lässt. Die Fotografien sind meist menschenleer und zeigen selten blauen Himmel. Postkartenaufnahmen bei Schönwetter sucht man vergeblich. Die großflächige, nicht ganz formatfüllende Darstellung in guter Druckqualität lädt zum genauen Betrachten ein.

Generell ist es eine große Freude, das Buch in Händen zu halten: Die gleichzeitig modern wirkende und doch klassische graphische Gestaltung, unterschiedliche Papierblattstärken von Beiträgen und Fotografien und die gelungene Typographie ergeben ein stimmiges Gesamtbild und ein einfach (!) schönes Buch.

Erwähnenswert ist weiter, dass das Buch zweisprachig in Deutsch und Englisch ausgeführt ist.

Wer sich für die städtebauliche Entwicklung von Wien sowie qualitativ hochwertige und sachlich-nüchterne Architekturaufnahmen von bekannten und weniger bekannten Gebäuden interessiert, dem seien die “Sechsunddreissig Wiener Aussichten” empfohlen. Die Fotos von Stefan Oláh zusammen mit den Texten von Sebastian Hackenschmidt zeichnen ein differenziertes Bild der Stadt Wien - sowohl von unten als auch von oben. Die ausgezeichnete graphische Gestaltung und Typographie führt dazu, dass man das Buch immer wieder gerne betrachten wird.

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