Die Wiederentdeckung der Kindheit


Wie wir unsere Kinder glücklich und lebenstüchtig machen
von Michael Winterhoff, Bernd Reheuser (Sprecher/-in)
Rezension von Stefan Cernohuby | 11. November 2017

Die Wiederentdeckung der Kindheit

Wenn es um Kinder geht, hört sich bei vielen der Spaß auf. Das betrifft viele Bereiche, ob es sich um Gewalt handelt, um Mobbing oder um das Schulsystem. Der bekannte Psychiater, Psychologe und Autor Dr. Michael Winterhoff sieht das ebenso. Zumindest legt das der Titel seines neuesten Buchs „Die Wiederentdeckung der Kindheit. Wie wir unsere Kinder glücklich und lebenstüchtig machen“ nahe, das uns als Hörbuch vorlag. Wir wollten genauer wissen, was er damit meint.

In den letzten 30 Jahren hat sich mehr im menschlichen Umfeld verändert, als über einen langen Zeitraum davor. Tiefgreifende Veränderungen gab es in der Technologienutzung, im Ausbildungssektor und auch in der Kinderbetreuung. Alles zusammen führt dazu, dass unsere Kinder keine Kindheit mehr haben, so der Autor. Während sich Eltern im Jahr 1990 hauptsächlich auf ihre Intuition verlassen haben und ansonsten als konkrete Bezugspersonen für das Kind da waren, ist 2017 alles anders. Alles ist viel stressiger, jeder konzentriert sich nur auf sein Handy, den Kindern wird jeder Wunsch von den Augen abgelesen, Erzieher in Kindergärten haben keine Weisungsbefugnis mehr, Lehrer sind nur noch Lernbegleiter und dürfen Schüler nicht maßregeln. All das führt dazu, dass Kinder in ihrer Entwicklung in einer frühkindlichen Phase von 10 bis 16 Monaten steckenbleiben und dort Zeit ihres Lebens festsitzen, immer nur auf der Suche nach neuer Lustbefriedigung. Das hat Auswirkungen auf alle Formen des Lebens, unter anderem Kommunikation, Lernfähigkeit, soziales Zusammenleben, Empathie, den späteren Lebensweg und letztendlich auch auf das Berufsleben. Denn jene Kinder machen ihren Eltern, die mit ihnen wie mit Partnern oder gar in Symbiose leben und so das Problem mitverschulden, zur Hölle. Doch der Autor des Buchs weiß einen Ausweg …

Das ist, mehr oder weniger, das gesamte Buch in einem einzelnen Absatz zusammengefasst. Und die Zusammenfassung fällt auch nicht allzu schwer, da sich die gleiche Argumentation mit den gleichen Akteuren im Werk gefühlte zehn Mal wiederholt. Kinder von Heute haben keine Kindheit mehr. Es ist keine Frage der Erziehung, sondern ein falsches Bezugssystem, das daran schuld ist. Plus ein idiotisches Kindergarten- und Schulmodell. Und natürlich Handys und das Internet. Erfreulicherweise wurden hier die Killerspiele ausgespart, die man sicherlich auch noch hätte erwähnen können – obwohl einmal etwas von einem Spiel mit verschiedenen „Stages“ gesprochen wird. Die Argumente und Betrachtungen leitet Dr. Michael Winterhoff hauptsächlich aus seinem eigenen Arbeitsalltag ab. Denn während Kinder in den 1990ern nur leichte psychische Störungen aufwiesen, ist der Andrang in seine Praxis um ein Vielfaches gestiegen. Eltern mit Kindern ohne Aufmerksamkeitsspanne, die bei jedem Handgriff dreimal nachfragen und die ihre Eltern durch manipulatives Verhalten fest im Griff haben, genau aus diesem Grund aber unglücklich sind. Also lässt sich messerscharf daraus schließen, dass wenn in der eigenen Praxis immer mehr dieser Kinder auftauchen – und keines der Kinder mehr „gemäß der Norm“ von Dr. Winterhoff reagiert – es wohl ein generelles Problem für alle Kinder darstellen muss. In einer Generation von Technologiejüngern ohne Bezug zum Zwischenmenschlichen. Zum Glück ist die Antwort relativ einfach. Eine strenge Abgrenzung durch eine Eltern- oder Erzieherrolle und das Smartphone wird in die Regentonne geworfen. So einfach bringt man ein Kind oder einen Teenager, der sein gesamtes bisheriges Leben verpfuscht hat und eigentlich immer noch in einer Phase zwischen 10 und 16 Monaten steckt, zurück auf Kurs. Danke, Dr. Winterhoff.

Aber Ironie beiseite, wenn man sich mit dem Inhalt des Buchs beschäftigt, greift der Autor einige Verhaltensmuster auf, die sich mitunter tatsächlich wahrnehmen lassen, auch was die mangelnde Medienkompetenz der Eltern angeht. Daher hat man zu Beginn des Werks auch zuerst das Empfinden, dass der Verfasser tatsächlich eine schlüssige Argumentation vorbereitet. Im Laufe des Werks wird der Tonfall jedoch immer gönnerhafter, immer manipulativer. Behauptungen und Beobachtungen in der eigenen Praxis werden als allgemeingültige Fakten dargestellt. Auf deren Basis wird eine ganze Theorie errichtet, die eine Muster-Fehlentwicklung vom Kleinkind bis zum gescheiterten Berufsschüler umfasst. Und nein. Eine strenge Hand ist kein Allheilmittel, die Technologie, wenn in sinnvollem Maße eingesetzt, kein Feind und die Lehrer unserer Schüler sind geistig nicht komplett weichgespült und immer noch in der Lage, ihrer Schüler Herr zu werden.

Im Buch selbst behauptet der Autor, dass viele Eltern überfürsorglich sind und als Kompensation sofort Psychologen aufsuchen, viel zu viele logopädische oder ergotherapeutische Behandlungen suchen würden. Und darüber hinaus auch viel zu viel und auch noch die falsche Literatur zur Lösung ihrer Probleme konsultieren würden. Es bleibt zu hoffen, dass diese Leserschaft tatsächlich die „falschen“ Bücher liest und nicht das hier besprochene.

„Die Wiederentdeckung der Kindheit. Wie wir unsere Kinder glücklich und lebenstüchtig machen“ ist das mittlerweile neunte Buch des Kinderpsychologen und -psychiaters Dr. Michael Winterhoffs. Wer seine vorherigen Bücher bereits kennt, wird in diesem wenig Neues finden, außer zusätzlicher und verstärkter Antipathie gegenüber Schulsystem und moderner Kommunikationstechnologie. Mit reißerischen, populistischen Behauptungen und hauptsächlich auf eigenen Erfahrung basierenden Dogmen kann man dieses Werk beim besten Willen nicht empfehlen, selbst wenn die Keimzellen der Theorien sicherlich auf realen Betrachtungen basieren. Wenn jedoch stets die eigenen Patienten als Maßstab für die gesamte Jugend betrachtet werden, kann man – besonders als Elternteil – ein solches Werk nicht gutheißen.

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