ZEN - Der Weg des Fotografen


Tägliche Übungen für mehr Kreativität in der Fotografie
von David Ulrich
Rezension von Michael Seirer | 22. Januar 2019

ZEN - Der Weg des Fotografen

Fotografieren liegt im Trend. Mit Smartphones, die überall hin mitgenommen werden, werden Millionen Fotos am Tag in die Sozialen Medien hochgeladen, in endlosen Feeds von Followern begutachtet und mit Likes versehen. Zeit für eine eingehende Betrachtung bleibt kaum. Und das ist wahrscheinlich auch gut so, denn sonst würde man feststellen, dass die meisten der so veröffentlichten Fotos der Selbstdarstellung dienen und keine Tiefe haben. „ZEN - Der Weg des Fotografen“ zeigt eine alternative Herangehensweise auf und erläutert, wie die Fotografie zum Finden der eigenen Stimme und der Themen, für die man wirklich brennt, verwenden kann.

Der Autor David Ulrich war sechs Jahre lang Student, Assistent und Freund von Minor White und lehrte Fotografie in Verbindung mit dem Zen-Buddhismus. Neben Büchern und Vorträgen veröffentlichte er seine Bilder in 75 Einzel- und Gruppenausstellungen und ist Leiter der Pacific New Media Foundation in Honolulu. Sein Buch ist eine behutsame Anleitung zum Sehen „was ist“ und in der Folge zum Anfertigen von ausdrucksstarken und bedeutsamen Bildern. Es ist in fünf aufeinander aufbauende Lektionen unterteilt: Beobachtung, Achtsamkeit, Identität, Übung und Beherrschung.

Nach einführenden Gedanken zu den einzelnen Kapitelthemen finden sich einige Übungen „Zum Ausprobieren“, die das beschriebene selbst erlebbar machen. Beispielsweise wird angeregt, mindestens 100 Fotos pro Woche, am besten mit dem Handy, zu machen. Dabei soll man nicht versuchen, „gute“ Fotos zu machen, sondern das fotografieren, „was da ist“  und eine Reaktion in einem selbst hervorruft. Die entstandenen Fotografien werden dann wöchentlich bewusste betrachtet und sortiert: gibt es dabei wiederkehrende Themen, Farben und Formen? Einzelne Fotografien werden sich besonders gut anfühlen. Diese weisen dann schon auf Richtungen hin, die besonders bewegen und weiter verfolgt werden sollten. Daraus ergibt sich ein visuelles Tagebuch welches nicht in den Sozialen Medien veröffentlicht werden sollte. Denn viele der Bildideen sind erst Skizzen und noch nicht das fertige Bild. Minor White beschreibt das passend mit: „Fang die Welle, nicht das Kräuseln“. Oder nach Frederick Sommer: Fotografen sind Menschen, die in der Welt nach dem suchen, was sie bereits in sich tragen.

Durch „Beobachten“ und nicht „Bewerten“ erlangt man die Fähigkeit, das Geschehene von außen und innen bewusst und gleichzeitig zu erleben. Dies ist mit dem, leider sehr strapazierten Wort, „Achtsamkeit“ im Werk beschrieben.

Das Buch zeigt einen langsamen und lustvollen Zugang zur Fotografie und steht damit in starkem Gegensatz zu immer automatisierteren Entwicklung von (Smartphone-)Kameras. Durch künstliche Intelligenz werden dem Benutzer immer mehr Entscheidungen abgenommen oder nachträglich bearbeitbar gemacht. Kein Wunder, wenn damit auch die Nutzung der Fotografie als Medium immer schneller und unreflektierter wird. Der Serienbildmodus ermöglicht es 10, 20 oder noch mehr Fotos pro Sekunde zu schießen. Das Beste aus der Serie wird dann vom Smartphone ermittelt. Aber Stil und Authentizität kann man nicht durch immer "intelligentere" Handys oder auch einen Ein-Tages-Workshop zum Thema „Wie finde ich meine fotografische Stimme“ im Schnellverfahren entdecken.

Jeder Mensch hat bereits einen Stil und der ist Ausdruck der eigenen Identität und des Seins. Die Texte im Buch raten, nichts erzwingen zu wollen und keinen starren “Kompositionsregeln“ zu folgen. Lieber möge man der eigenen Begeisterung folgen! Zitat: „Man kennt etwas noch lange nicht, nur weil man es angesehen hat. Etwas mag für die Augen direkt erfassbar sein, aber das Bewusstsein braucht dafür etwas länger.“ Viele der Übungen sind langfristig angelegt und benötigen Zeit. Es lohnt sich sicher, das Buch in ein bis zwei Jahren wieder zu lesen. Man wird dann neuen Input und vor allem Übungen für sich entdecken, für die man beim ersten Lesen noch nicht bereit war.

Den bewussteren Zugang kann man auch an der Empfehlung erkennen, nicht mit einzelnen Fotos sondern mit Portfolios und Werkreihen zu arbeiten. Es hebt sich wohltuend von so manch anderem Buch ab, das wohl ähnliche Begrifflichkeiten verwendet, es aber nicht schafft, die vorgestellten Ideen auch durch Anleitungen und Übungen zu konkretisieren.

David Ulrich beschreibt in „ZEN - Der Weg des Fotografen“ einen bewussteren Zugang als Möglichkeit und Hilfsmittel zum Erwecken der eigenen Wahrnehmung und Kreativität. Weg von der omnipräsenten Selbstdarstellung in Social Media Plattformen, manchmal offensichtlicher, manchmal versteckter, hin zur Kommunikation von Themen und visuellen Eindrücken, an denen man selbst interessiert ist. Eine klare Empfehlung als Kontrapunkt zu Büchern, die sich auf Technik, Bearbeitung und generelle einer „Verbesserung“ der eigenen Wahrnehmung und in der Folge auch Fotos widmen.

Details

  • Autor/-in:
  • Verlag:
  • Genre:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    12/2018
  • Umfang:
    222 Seiten
  • Typ:
    Hardcover
  • ISBN 13:
    9783864906138
  • Preis:
    34,90 €

Bewertung

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