Eine sonderbare Stille


Warum der Tod ins Leben gehört
von Katharina Schmidt
Rezension von Katrin Hof | 28. Juni 2016

Eine sonderbare Stille

Wir sprechen nicht über ihn. Wir denken nicht über ihn nach. Wir sind nicht auf ihn vorbereitet. Aber wenn er in unser Leben tritt, erschüttert er unser menschliches Dasein. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Er lässt uns alleine und hilflos zurück. Wir fühlen uns schuldig und haben Angst. Er macht uns wütend und zornig. Manchmal spüren wir Leere, weil er uns alles nimmt, aber hin und wieder auch Erleichterung, weil wir das Leiden nicht mehr ertragen. Wir haben keine gute Beziehung zu ihm, weil er uns jene zu unseren Liebsten raubt und unsere Identität in Frage stellt. Warum wir uns dennoch dem Tod annähern sollten und was uns dieser lehrt, damit konfrontiert uns die Autorin Katharina Schmidt in ihrem Buch „Eine sonderbare Stille – Warum der Tod ins Leben gehört“.

Der Verlust eines nahestehenden Menschen ist ein kritisches Lebensereignis, das die Menschen dazu veranlasst, sich mit dem tabuisierten Thema Sterben und der eigenen Vergänglichkeit zu beschäftigen. Auch für die Autorin Katharina Schmidt war der Tod ihres Vaters ein Beweggrund, sich persönlich mit diesem gesellschaftlichen Tabuthema zu befassen. Ihre Recherchen dazu hat sie in einem mutigen und kritisch reflektierten Buch zusammengefasst, das mit aufrichtigen Worten zu erkennen gibt, dass man dem Tod keineswegs nur traurig und ängstlich begegnen muss. Denn die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und die Akzeptanz, dass der Tod zum Leben gehört, nehmen einem nicht nur die Angst vor dem Ungewissen, sondern bereichern unser Leben und das Zusammensein mit unseren Mitmenschen.

Katharina Schmidt beleuchtet einleitend den gesellschaftlichen Wandel von einem offenen Umgang mit dem Tod zu einer Verdrängung des Todes. Mit Fakten und Zahlen untermauert, gibt das Buch einen Einblick in die Hospizkultur in Österreich und wirft essentielle Fragen über ein würdevolles Sterben auf. Aus verschiedenen Blickwinkeln wird reflektiert, welche Bedeutung die palliative Pflege für unsere Gesellschaft hat und welche Lehren daraus gezogen werden können. Trotz der Schwierigkeit über das Sterben zu sprechen, äußern sich unterschiedliche Berufsgruppen wie beispielsweise Ärzte und Pflegepersonal sowie Betroffene und Angehörige darüber, wie der Blick auf das Sterben unser Leben verändert. Der Leser erhält individuelle Einblicke in die Wahrnehmungswelt von Sterbenden, die ihre Sichtweise auf die eigene Sterblichkeit, die Trauer und den Verlust offen und unbefangen darlegen und aufzeigen, wie sie dies bewältigen. Dass der Tod kein Alter kennt und auch Kinder zu sich holt oder zu Waisen macht, wird genauso wenig verleugnet wie die Tatsache, dass wir in einer immer älter werdenden, zunehmend von Demenz betroffenen Gesellschaft leben. Das wirft auch die Debatte des selbstbestimmten Sterbeprozesses auf, die mit unterschiedlichen Argumentationen, Problematiken und Verweisen auf die Gesetzeslage in Deutschland und der Schweiz diskutiert wird. Am Ende bleibt das, was wirklich wichtig ist und zählt. Nämlich die relevante Frage, wie sterbende Menschen in Zukunft versorgt werden sowie eine neue, lebensnahe Perspektive für den Tod.

Es braucht viel Mut die Sprachbarriere zu durchbrechen und dem Tod einen Raum im Leben einzurichten. Es erfordert viel Kraft, die befremdliche Stille wieder mit Lebendigkeit zu füllen. Es verlangt Zeit, der Trauer und dem Verlust wieder mit Hoffnung und Lebensfreude zu begegnen. All dies gelingt der Autorin Katharina Schmidt in ihrem Debattenbuch „Eine sonderbare Stille - Warum der Tod ins Leben gehört“, in dem sie uns einfühlsam, ehrlich, mit einem kritisch-sachlichen Blick und sehr gut recherchiertem Faktenwissen den Tod behutsam näherbringt. Das Buch ist informativ, aber auch berührend und es regt zum Nachdenken über die eigene Sterblichkeit an. Die Erzählungen und persönlichen Erfahrungen der Menschen in diesem Buch helfen dabei, einen Weg zu finden, um versöhnlicher mit der Endlichkeit des Lebens umzugehen und die Zeit, die einem bleibt, bewusster und wertschätzender zu verbringen. Es sind unterschiedliche Geschichten, die eines gemeinsam haben: Sie zeigen auf beeindruckende Weise auf, dass der Mensch dazu fähig ist, mit dem Tod zu leben.

Mit sehr viel Feingefühl und großer Sorgfalt nähert sich die Autorin Katharina Schmidt in ihrem Buch „Eine sonderbare Stille – Warum der Tod ins Leben gehört“ dem tabuisierten Thema Sterben an. Dabei lässt sie nicht nur Menschen zu Wort kommen, die einen Weg gefunden haben, um mit dem Tod umzugehen, sondern regt mit essentiellen Fragen über die Versorgung von sterbenden Menschen zum Nachdenken an. Das Buch spendet Trost, gibt Kraft, bringt Mut und hilft einem, den unergründlichen, unfassbaren und erschütternden Tod, der viele Menschen verängstigt und hilflos macht, als einen lebensnahen, versöhnlichen Teil unseres Lebens anzuerkennen.

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