Das authentische Porträt


So gelingen ausdrucksstarke Porträts
von Rheinwerk Verlag
Rezension von Michael Seirer | 02. Januar 2017

Das authentische Porträt

Das Fotografieren von Personen, insbesondere wenn man diese erst kurz vor dem Shooting kennengelernt hat, ist eine besondere Herausforderung. Schnell stellt sich die Frage, wie man möglichst “authentische” Portraits aufnehmen kann. Doch was ist ein “authentisches” Portrait? Was zeichnet ein ebensolches aus? Der Rheinwerk Verlag hat sich dieser Frage in einem unüblichen und interessanten Konzept gewidmet und neun Fotografen zu Wort und Bild gebeten.

“Das authentische Porträt” ist ein Fotoband, der Portraits von neun unterschiedlichen Fotografen vorstellt. Dabei werden pro Doppelseite meist ein, manchmal auch mehrere Portraits gezeigt.
In insgesamt zehn Kapiteln werden die Bilder nach “Klassisch + Seriös”, “Wild + Frei” oder “Nachdenklich + Ernst” gruppiert. Dabei werden zwischen elf und 18 Fotos, beziehungsweise deren Hintergrundgeschichte pro Kapitel gezeigt. Aus seiner Sicht erzählt der Fotograf die Hintergründe zur Entstehung des Bildes. Natürlich werden dabei technische Daten wie Brennweite, Blende, Belichtungszeit, ISO und sonstige Spezialitäten zusätzlich angegeben. Die Biografie eines jeden Fotografen hilft, die Herangehensweise besser zu verstehen. Zudem werden drei Fragen beantwortet, die sich mit dem Thema “authentisches Portrait” beschäftigen. Jeder der neun Fotografen beantwortet die Frage “Was macht für Sie ein Portrait authentisch?” auf eine andere Art und Weise. Von "so ungestellten Posen wie möglich" bis hin zu “es kann niemals ein authentisches Portrait geben” findet sich hier das gesamte Spektrum wieder. Es ist jedenfalls spannend, sich diese Frage selbst zu stellen und dabei mit den unterschiedlichen Meinungen der im Buch vertretenen Fotografen zu vergleichen
Ein Index am Ende rundet das Werk ab.

Naturgemäß wird man manche Fotos ansprechender finden als andere. Das merkt man beispielsweise daran, dass man beim Lesen des Buches beginnt, einzelne Fotos nur noch zu überfliegen oder gleich weiterzublättern. Und bei anderen wiederum kommt ein “Ah! Das ist jetzt schon das dritte Foto von ihm oder ihr, das mir auffällt!”. Daher hätte man sich die Information, welcher Fotograf wo vertreten ist, nicht erst auf der letzten Seite vor dem Index gewünscht - dort findet man sie nämlich erst relativ spät. Die Vielfalt der Fotografen und damit auch der Arbeiten ist spannend und man wünscht sich mehr Information und Hintergrund zu den Fotos. Bei einigen bleibt es gar bei einer ziemlich oberflächlichen Beschreibung, wie man sich getroffen hat und dass das Foto schnell entstanden wäre. Gerade Authentizität entsteht vermutlich nicht in den ersten zehn Minuten und so wäre es wünschenswert gewesen, mehr über die Kommunikation zwischen Fotografen und Modell zu erfahren. Wie genau lässt der Fotograf eine Vertrautheit entstehen, die zu solchen Fotos führt? Insbesondere bei neun unterschiedlichen Fotografen kommen hier sicherlich spannende und höchst unterschiedliche Antworten. Ein stärkeres Fokussieren der Texte auf die Kommunikation beziehungsweise das Entstehen einer vertrauten Situation, in der Personen authentisch vor der Kamera werden, und ein Reduzieren der vorgestellten Werke würde ein stärkeres, konzentrierteres Buch entstehen lassen.

“Das authentische Porträt” aus dem Rheinwerk Verlag geht einen neuen und interessanten Weg und hat damit ein für People-Fotografen anregendes Buch herausgebracht, das sich nicht zum x-ten Mal mit Posing-Anleitungen oder Standard-Lichtsetzungs-Diagrammen abgibt. Es ist für Fotografen, die ihre ersten Schritte in der Portraitfotografie bereits gemacht haben, ein spannendes Buch, das zum Reflektieren über die Kommunikation mit dem Modell anregt. Mehr als nur kurze Tipps oder Hinweise wird man allerdings vergeblich suchen.

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