Die Schöne und die Biester


(K)ein Märchen
von Boris Koch, Frauke Berger (Illustration)
Rezension von Stefan Cernohuby | 21. März 2020

Die Schöne und die Biester

Ist es ein Fluch, wenn ein gekröntes Haupt auf Prophezeiungen hört, die sein Schicksal betreffen, oder einfach pure Dummheit? Insbesondere, wenn die die Voraussagung andere stark einschränkt, ist es nicht so einfach, dazu eine Meinung zu haben. Zumindest offiziell, da so drakonische Strafen drohen können. Zumindest in der märchenhaften Graphic Novel „Die Schöne und die Biester“ von Boris Koch, illustriert von Frauke Berger und erschienen im Splitter Verlag, mit dem Untertitel: „Kein Märchen“.

Menschen gehen unterschiedlich mit Kindern um. Einerseits ist da der Bäcker, der seine Tochter Hänfling nennt, aber trotzdem über alles liebt. Auf der anderen Seite ist da König Siegbart, der immer all das bekommt, was er will. Und wenn nicht, sorgt er dafür, dass es trotzdem passiert. Als er sich einen Sohn will, wird er jedoch zum ersten Mal enttäuscht, denn seine Frau bekommt eine Tochter. Also lässt er sich scheiden und heiratetet erneut – auch wenn er dafür das Gesetz ändern muss – denn er will einen erstgeborenen Sohn. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihm und so muss er das Procedere sieben Mal wiederholen, bevor er endlich den Sohn erhält, auf den er wartet. Und auch da ist er nicht vom Glück verfolgt, denn eine schwer alkoholisierte Fee prophezeit, dass der Prinz eines Tages von Tauben beschmutzt würde um danach gegen den eigenen Vater aufzubegehren. Was ist da für einen König naheliegender, als einfach alle Tauben einzusperren oder sie eben töten zu lassen? Nichts. Ein riesiger Turm wird erbaut, in dem Tauben gefangen gehalten und gefüttert werden. Und eine riesige Flamme wird genährt, in der stets Tiere verbrannt werden sollen. Letztere Vorgehensweise ist natürlich nicht sehr praktikabel, was besonders der Brötchen verkaufenden Bäckerstochter Hänfling auffällt. Sie, die für ihre Brötchen und ihre Schönheit bekannt wird, befindet sich inmitten des Dramas rund um die Tauben. Besonders auch deshalb, weil der Prinz Gefallen an der jungen Bäckerstochter findet, die einen ganz eigenen Geist offenbart.

Märchen bauen oft aus eher skurrilen Prämissen auf. Aber warum sollte es unwahrscheinlicher sein, dass eine Fee im Suff eine Prophezeiung ausspricht als dass eine dreizehnte Fee sauer wegen eines fehlenden Gedecks ist oder eben, dass dreizehn Feen ein Königreich stürzen? Eben, es gibt keinen Grund. Und da Könige oft seltsame Entscheidungen treffen, die kaum jemanden hinterfragt, ist auch das Szenario mit den Tauben denkbar. Und ja, der weitere Verlauf ist skurril, wie in so manchem anderen Märchen auch – nur eben, dass dieses hier eher nicht für Kinder, sondern für Erwachsene gedacht ist. Die Illustrationen sind verspielt, nicht zu realistisch aber auch nicht zu abstrakt. Ein gelungener Mittelweg gewissermaßen, der durch eine textuell und zeichnerische Auseinandersetzung nach der eigentlichen Geschichte erweitert wird, wo Argumente von Boris Koch auf jene von Frauke Berger treffen. Hier fragt man sich unwillkürlich, wer wohl besser lügt. Aber diese Frage tut dem Gesamteindruck keinen Abbruch, denn das Gesamtergebnis ist so gelungen, dass man sich darüber keine Gedanken mehr machen muss.

Ob nun Märchen oder nicht, „Die Schöne und die Biester“ ist eine märchenartig erzählte und illustrierte Geschichte von Boris Koch und Frauke Berger. Es geht nicht um des Kaisers neue Kleider, sondern um betrunkene Feen und Taubenkot. Doch auch diese Ingredienzien können, wenn richtig vermengt und dargestellt, ein überzeugendes Leseergebnis ergeben. Für alle Erwachsene, die Märchen lesen können und gleichzeitig behaupten wollen, keine zu lesen, ist das Buch bestens geeignet. Und ja, für Lügner auch.

Details

Bewertung

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