Jetzt ein Tiger

von Anthony Burgess
Rezension von Stefan Cernohuby | 10. Mai 2019

Jetzt ein Tiger

Manche Autoren haben eine derartige Reputation, dass man beinahe unweigerlich zu einem Buch von ihnen greift, wenn man ein bisher nicht bekanntes Werk im Buchladen sieht. Anthony Burgess hat mit „A Clockwork Orange“ (auf Deutsch: „Uhrwerk Orange“) ein Meisterwerk erschaffen, das sowohl in Romanform als auch in der Kubrick-Verfilmung Weltruhm erlangt hat. Im Elsinor Verlag ist nun mit „Jetzt ein Tiger“ der erste Band seiner Malaya-Trilogie erschienen.

Es wird langsam unruhig in Malaya. Der Lehrer Victor Crabbe merkt es an der Stimmung seiner Schüler, die eine wilde Mischung aller Nationen bilden. Doch nicht nur die Umgebung, auch das Leben in Malaya wird zunehmend schwieriger. Besonders Crabbes Frau konnte sich schon bisher nicht mit Land, Leuten und Wetter anfreunden. Ihrer Meinung liegt alles daran, dass ihr Mann kein Auto kaufen möchte und stattdessen mit dem Bus fährt. Das hat zwar einen Grund – Crabbe will seit einem bestimmten Vorfall nicht mehr Auto fahren –, ist aber nicht ganz von der Hand zu weisen. Veränderung bringt der dem Alkohol verfallene und über beide Ohren verschuldete Polizist Nabby Adams, der Crabbe nicht nur eine Fahrgelegenheit organisiert, sondern auch einen Fahrer. Alladad Khan, der insgeheim in Crabbes Frau Fenella verliebt ist, chauffiert die beiden zu verschiedenen Festen und Veranstaltungen – Adams profitiert nebenbei durch den Alkohol, den erhält. So versuchen alle drei ein Leben zu führen, in einer Zeit in der Terroristen in den Wäldern lauern, chinesische Studenten geheime Treffen veranstalten, in einem Land in dem verschiedene Götter eine gleichbedeutende Rolle nebeneinander spielen und sich das Ende des kolonialen Zeitalters endgültig abzeichnet.

Viele Autoren verarbeiten eigene Erfahrungen in ihren Romanen. Anthony Burgess ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Er hat in seiner Malaya-Trilogie seine eigenen Erfahrungen als Lehrer in Malaya, einer ehemaligen britischen Enklave der eigentlich niederländischen Kolonie Malaysia, verarbeitet. Dabei zeigt er einen interessanten Querschnitt der Gesellschaft. Von den Einheimischen über verschiedene andere Ethnizitäten, dröge und unflexible Briten, Inder und nach politisch neuen Wegen strebende Chinesen. Die Handlung selbst ist weder besonders spannend, noch komplex. Alle Beteiligten versuchen ihren Platz im Leben zu finden oder einfach nur damit klarzukommen, dass sie dort sein müssen wo sie sind. Das gelingt sichtlich nicht allen. Gerade Nabby Adams, der von sich selbst glaubt, ein gefestigter Zeitgenosse zu sein, rutscht immer tiefer in die Abhängigkeit und in die Schuldenfalle. Crabbe selbst weiß gar nicht von seiner Wirkung auf die Umgebung und nimmt auch nicht wahr, wie sehr sich seine Umwelt in Wandlung befindet – aber noch sturer ist sein Vorgesetzte, der immer schläfrige Direktor Boothby. Somit ist das Werk zwar sicherlich nicht vergleichbar mit „A Clockwork Orange“, aber dennoch ein interessantes Zeugnis seiner Zeit. Es wirft ein persönliches Licht auf einen Autor in einem anderen Jahrhundert, der zwar den Begrifflichkeiten seiner Zeit treu bleibt, dabei aber trotzdem schon beschreibt, wie ein Land voller Menschen aus verschiedenen Ländern trotzdem funktionieren kann – und das auch ohne die Englische Krone.

„Jetzt ein Tiger“ ist der erste Band der „Malaya“-Trilogie von Kultautor Anthony Burgess. In diesem stark autobiographisch beeinflussten Roman schildert Burgess ein von ihm selbst miterlebtes Gesellschaftsbild, welches den endgültigen Niedergang des britischen Kolonialismus skizziert – auf Basis verschiedener Charaktere. Es ist ein Roman, den man sicherlich nicht mit seinen phantastisch-verstörenden Werken vergleichen kann, aber dennoch eine Erzählung, die sich lohnt.

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