Dunkle Halunken

von Terry Pratchett
Rezension von Stefan Cernohuby | 31. Oktober 2013

Dunkle Halunken

Bei manchen Autoren ist jeder neue Roman, der erscheint, eine Sensation. Selbst oder besonders wenn jenes Werk außerhalb jenes Genres angesiedelt ist, für das er normalerweise bekannt ist. Genau so kann man auch das Erscheinen des neuesten Werks von Terry Pratchett beurteilen, der im London des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist. "Dunkle Halunken" lautet dessen Titel in deutscher Sprache und weckt auf jeden Fall große Erwartungen.

Manchmal ist jemand einfach zur richtigen Zeit am falschen Ort. So auch Dodger, der junge "Tosher". Als er sieht, wie eine junge Dame von zwei Männern misshandelt wird, greift er kurzerhand ein, verprügelt die beiden nach Strich und Faden und lässt die Dame von einigen Gentlemen in Sicherheit bringen und verarzten. Doch durch diese Tat verändert sich das Leben des jungen Mannes, der seinen Lebensunterhalt dadurch verdient, in der Londoner Kanalisation nach verlorenen Wertgegenständen zu suchen - und den einen oder anderen Diebstahl nebenbei - für immer. Anstatt in den bisherigen Kreisen zu bleiben, in denen ihn und seinen geruchlich markanten Hund jeder kennt und in denen ihm niemand in die Quere kommen will, beginnt er Nachforschungen anzustellen. Das führt ihn nicht nur in komplett andere Gesellschaftsschichten, sondern weckt vor allem das Interesse des Journalisten Charlie Dickens, der ihn mit einigen interessanten Personen bekannt macht und ihm bei seinen Nachforschungen ein paar Tipps gibt. Ganz nebenbei gelingt es Dodger, unbeabsichtigt, eine Heldentat nach der anderen zu vollbringen. Nicht nur, dass er den teuflischen (und leider ziemlich kranken und verzweifelten) Serienmörder und Barbier Sweeny Todd aufhält, er verhindert auch einen Raub in einer Zeitungsredaktion. So wird auch die Gesellschaft auf ihn aufmerksam und verschafft ihm Geld und Ansehen. Einige neue Kleider und Lektionen von seinem Mentor Solomon später ist er eine Art Unikum in den besten Kreisen. Doch vieles ist weit komplizierter als gedacht, vor allem als sich die Herkunft der von ihm geretteten Dame als politisch äußerst brisant erweist, was feindliche Spione sowie Auftragsmörder auf den Plan ruft. Doch Dodger, der sein London nur zu gut kennt, hat eine äußerst gerissene und gefährliche Idee, wie das Problem zu lösen ist.

Natürlich ist die erste Frage, wenn es um die Werke von Terry Prachtett geht, inwiefern sich der neue Roman von seinen Büchern aus der "Scheibenwelt" abgrenzt. Die Antwort ist in diesem Fall schwierig. "Völlig" und "überhaupt nicht" sind beide zutreffend. Der Roman spielt in einem historischen London zu Zeiten von Queen Victoria und hat im Grunde überhaupt nichts mit der Scheibenwelt zu tun. Andererseits sind die Charaktere im Buch nicht ganz realistisch gezeichnet, sondern eher auf satirische Art und Weise. Der Protagonist ist zum Beispiel ein völliger Übercharakter, der sich seiner Jugend, mangelnden Bildung und seinem Misstrauen gegenüber der Obrigkeit zum Trotz zu einem Meisterspion, einem Genie auf allen Gebieten und einem Liebling der High Society entwickelt. Die Bösewichte sind voller absichtlicher Klischees und auch die Nebencharaktere wurden offenbar komplett in Ironie eingelegt und mit Sarkasmussirup gefüttert. So kann man die Handlung trotz ihres Hintergrundes nicht wirklich über die gesamte Länge ernst nehmen. Darüber hinaus werden viele Anleihen an Personen genommen, die tatsächlich existiert haben. Wer "Charlie" Dickens ist, darüber muss man als Leser kaum mehr nachdenken. Aber auch der legendäre Polizeichef Robert Peel, Baroness Angela Burdett-Coutts und weitere andere historische Gestalten. Doch wenn ihr Umgang wirklich derartig salopp und leichtgängig gewesen wäre, würde man Briten heute vermutlich unter einem völlig anderen Bild kennen. Dennoch ist der Roman sehr gut gelungen, spannend, amüsant und bis zu einem gewissen Grad auch historisch interessant. Lediglich seine Verspieltheit und sein zeitweises Abgleiten ins Unrealistische verhindern, dass er von uns als absolutes Meisterwerk bezeichnet wird.

"Dunkle Halunken" ist die deutsche Fassung des aktuellsten Romans von Terry Pratchett, das englische Original trägt den Titel "Dodger". Auch wenn das Werk im viktorianischen London angesiedelt ist, lässt einiger Humor durchaus seine Verwandtschaft zu Pratchetts "Scheibenwelt" erahnen. Die Mischung aus historischen Ereignissen, Tausendsassa-Protatgonisten und einer Menge amüsanter Ingredienzien machen das Buch zu einem tollen Leseereignis. Einziges Manko: es lässt sich aufgrund der wilden Mischung nicht wirklich zuordnen, weswegen es nicht ganz unsere Höchstwertung erreichen kann.

Details

  • Autor/-in:
  • Verlag:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    09/2013
  • Umfang:
    384 Seiten
  • Typ:
    Hardcover
  • ASIN:
    3492703011
  • ISBN 13:
    9783492703017
  • Preis:
    19,99 €

Bewertung

  • Gesamt:
  • Spannung:
  • Anspruch:
  • Humor:
  • Gewalt:
  • Gefühl:
  • Erotik:
    Keine Bewertung

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