Es gibt literarische Werke, die den Eindruck erwecken, sich an Klassikern des jeweiligen Genres zu orientieren. Und es gibt andere, die nicht einmal verschleiern, wo sie herkommen und wo sie hinwollen. Ein Fall, den man eindeutig in die zweite Kategorie einordnen kann ist der Roman „2084“ der litauischen Autorin Unė Kaunaitė. Das Werk geht der Frage nach, ob man in einer Welt der totalen Überwachung und der Redundanz menschlicher Arbeitsleistung noch schockiert werden kann.
Kajus Šaulys hat noch immer nicht verwunden, dass ihn seine Ex-Freundin Kara für eine 21-jährige Studentin verlassen hat. Dabei hilft dem ehemaligen E-Sports-Superstar sein aktueller Job nicht unbedingt. Denn er hat die Aufgabe Menschen, die sich für Selbstmord entschieden haben, von ihrem Plan abzubringen. Auch wenn ihm das in den meisten Fällen gelingt – die wenigsten Personen wollen sich wirklich das Leben nehmen – hat er dennoch nicht die positivste Sicht auf die Gesellschaft. Bis eines Tages Lėja vor ihm steht. Sie ist immer auf der Suche nach einem Richtig oder Falsch, nach Wahrheit oder Lüge. Er will sie nicht nur vom Freitod abhalten, sondern sie wiedersehen. Sie will rebellieren, gegen die weitere Ausbeutung der Welt. So sehr, dass Kajus, der einst als Albert Camus E-Sportgeschichte geschrieben hat, sich in sie verliebt. Neben Rückblicken, wie sein früheres Leben verlaufen ist und wie sein aktuelles weiterverläuft, bekommt man auch einiges über die Welt mit, die ihn umgibt. Das ist das „Universum“, mit dem ältere Menschen nicht viel anfangen können; die „Bubble“ für die er arbeitet und auch seine allgegenwärtige Haus-KI Naomi. Als er das Buch 1984 in Händen hält und keine großen Anstalten macht, mehr als die letzte Seite des Buchs zu lesen, fühlt man ein wenig mit ihm. Denn jeder weiß, wie 1984 ausgegangen ist. Oder etwa nicht?
Markus Roduner sorgt dafür, dass das litauische Original sich auch in deutscher Sprache gut liest und er hat seine Aufgabe bravourös gemeistert. Was er nicht ganz verhindern kann, ist die Verwirrung, die der Roman auslöst. Denn man ist nie ganz sicher wann und wo man sich gerade befindet. In einer Welt, in der sich die Menschen nur noch extrem selten persönlich begegnen, verschwimmen die Grenzen zwischen virtueller Realität und tristem Alltag. Vor allem die Bekanntschaften, die der Protagonist im Laufe seines Lebens macht, kann man nicht immer sofort zuordnen. Die enthusiastische Konzernangestellte, die ehrgeizige Game-Designerin und die rebellische Lėja. Man weiß generell nicht, wer oder was hinter den verschiedenen Personen steckt. Wie viel menschliche Autonomie es in einem System gibt, in dem KIs ohnehin immer die besseren Entscheidungen treffen. All das wirft dann auch die Frage auf, was Freiheit in einem Zeitalter von gesteuerten Meinungen und Reaktionen eigentlich noch bedeutet. Das ist ein Punkt, dem auch Kajus nachgeht. Er hält sich selbst für einigermaßen intelligent, realisiert aber gleichzeitig, dass er im Vergleich zu anderen sehr privilegiert ist. Als er sich dann näher für die Mechanismen, innerhalb derer er sich bewegt, zu interessieren beginnt, wird ihm langsam auch klar, was das für ihn bedeuten könnte. Und doch scheint so manches Schicksal unabwendbar zu sein. Ob „2084“ tatsächlich eine weitergedachte Version von George Orwells Klassiker ist, darf man beim Lesen in Frage stellen. Es ist jedoch ein interessantes Werk, das sich mit vielen Entwicklungen der Gegenwart auseinandersetzt und diese hinterfragt.
„2084“ ist ein Roman der litauischen Autorin Unė Kaunaitė, die sich mit ihrem Werk offen an den beinahe gleichnamigen Klassiker von George Orwell anlehnt. Auch wenn die Handlung zumindest in Teilen für Verwirrung und Desorientierung sorgt, verfolgt sie doch zahlreiche spannende Fragestellungen und vermittelt viel Emotion. Etwas, das in einer zunehmend technologisierten Welt vielleicht das ist, was Menschlichkeit ausmacht. Heute, wie auch im Jahr 2084.
Details
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Originaltitel:2084
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Übersetzer*in:Markus Roduner
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Erschienen:03/2026
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Umfang:252 Seiten
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Typ:Taschenbuch
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ISBN 13:9783963119903
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Preis (D):20,00 €
