Otherland

Otherland - Das komplette Hörspiel

von Tad Williams, Walter Adler (Regie)
Rezension von Stefan Cernohuby | 20. Oktober 2008

Otherland - Das komplette Hörspiel

Es gibt zahlreiche Romane und Serien, die von einer Zukunft handeln, in der sich das Hauptaugenmerk von der Wirklichkeit auf virtuelle Realitäten verlagert. So mancher Autor hat das Thema schon aufgegriffen, bevor die heutige weltweite Informationsvernetzung nur ansatzweise ersichtlich wurde. Eine dieser Reihen stammt aus der Feder von Tad Williams und trägt den Namen „Otherland“. Die Kultreihe, die sich über die Bereiche Science-Fiction und Fantasy erstreckt, konnte dank des DHV (Der Hörverlag) mit einer der aufwendigsten Hörspielproduktionen aller Zeiten, ein weiteres Medium im Sturm erobern.

In „Die Stadt der goldenen Schatten“ beginnt für mehrere Personen eine lange Suche nach einem ungewissen Ziel. Orlando Gardiner, im Netz besser bekannt als der Krieger „Thargor“, findet während eines virtuellen Abenteuers den Tod, weil er von dem plötzlich aufgetauchten Anblick einer goldenen Stadt abgelenkt wird. Da er der Meinung ist, etwas Wichtiges - weitaus wichtiger als alles bisher in seinem Leben - gesehen zu haben, beginnt er gemeinsam mit seinem besten Freund Sam Nachforschungen anzustellen. Doch bevor die beiden mehr herausfinden, müssen sie noch die größten Geheimnisse des jeweils anderen erfahren.
Renie Sulaweyo ist Computerspezialistin in Südafrika. Als ihr kleiner Bruder wie so viele andere Kinder ins Koma fällt und nicht mehr aufwacht, beschließt sie der Sache selbst auf den Grund zu gehen. Mit ihrem Freund, dem jungen Buschmann !Xabbu, stößt sie sich auf ein Komplott, das sich tief durch industrielle und politische Kreise zieht.
Paul Jonas findet in den Gräben des ersten Weltkrieges einen Ausweg in eine andere Welt. Dort scheinen ihn zwei verschiedene Parteien zu suchen. Eine, die ihn töten will und eine andere, der er helfen soll die Welt zu retten. Leider weiß er nicht, wie er letzteres anstellen soll.
Unterstützt von anderen Nebengestalten, unter anderem dem geheimnisvollen Herrn Sellers, versuchen die Charaktere hinter das Geheimnis von „Otherland“ zu kommen. Bei diesem handelt es sich um ein virtuelles Netzwerk mit unglaublicher Leistungsfähigkeit. So hochperformant, dass es in der Lage ist, wirkliches Leben nachzubilden.
Doch es gibt zahlreiche Gegenspieler, mit denen es die zusammengewürfelte Heldentruppe zu tun bekommt. Da ist Felix Jongleur - im Netz als Osiris bekannt - der älteste und mächtigste Mann der Welt. Er ist der Schöpfer und Gottkaiser von Otherland. Seine rechte Hand ist der Profikiller Dreadd, der ohne zu zögern alle Feinde seines Herrn beseitigt. Doch er hat eigene Pläne, von denen auch sein Herr und Meister nichts weiß.
In den Romane „Fluss aus blauem Feuer“, „Berg aus schwarzem Glas“ und „Meer des silbernen Lichts“ müssen die Helden der Geschichte durch die verschiedensten Fantasiewelten reisen um schlussendlich eine Intelligenz im Netzwerk zu entdecken, die nicht das ist, was sie zu sein scheint. Alle involvierten Persönlichkeiten müssen sich einem Abenteuer stellen, das für manche sogar mit dem Tod enden wird. Nicht mit dem wiederholbaren Erlebnis im Netz, sondern dem unwiderruflichen Ende der Existenz im realen Leben.
Zusätzlich zum Inhalt sollten weitere Fakten nicht unerwähnt bleiben. Das Hörspiel entstand in mehr als 18 Monaten Produktionszeit, mehr als 250 verschiedene Sprecher verliehen den Charakteren ihre Stimme. Das Resultat kann sich auch im Bezug auf die weiteren Zahlen sehen lassen. 24 Stunden, also 1440 Minuten ist das Hörspiel lang und auf insgesamt 25 CDs gepresst. Daher ist der Preis von etwa 80 Euro durchaus vertretbar.

Was sind die Attribute, die als allererstes mit dem Otherland-Hörspiel in Verbindung zu bringen sind? Komplex, verwirrend und kolossal. Komplex deshalb, weil es in etwa zehn verschiedene Handlungsstränge gibt, die sich zwischenzeitlich kreuzen, jedoch anschließend wieder eigene Wege gehen. Verwirrend, weil die Schnitte zwischen den Handlungen mehr als abrupt erfolgen. Kolossal, weil man sich nach 24 Stunden Hörbuch einigermaßen gerädert fühlt - auch wenn man das Werk natürlich nicht am Stück genossen hat.
Zahlreiche Sprecher führen durch das Geschehen. So erhält jeder Hauptcharakter in seinem Erzählstrang einen eigenen Erzähler. Schon allein für die Unterscheidbarkeit der Handlungsstränge eine gute Wahl. Dann wird die Erzählung immer wieder durch den sogenannten „Netfeed“ unterbrochen. Einblendungen des Weltgeschehens aus der Sicht eines Hackers, die teilweise inmitten eines Satz erscheinen. Dies trägt zur surrealen Faszination des Ganzen bei.

Bis auf eine einzelne Ausnahme sind auch die Sprecher hervorragend ausgewählt. Bei so vielen mitwirkenden kann man hier nur auf einige wenige eingehen.
Orlando Gardiner wird beispielsweise von mehreren Stimmen verkörpert. Als Thargor hat er eine erwachsen-männliche Stimme, als kranker Junge eine unsichere Teenager-Stimme.
Der geheimnisvolle Herr Sellers wird vom Schauspieler Ernst Jacobi gesprochen, was ebenfalls sehr passend erscheint. Die Netfeed-Einschaltungen werden von Andreas Fröhlich übernommen. Da dieser ein bekannter Synchronsprecher ist - unter anderem für Edward Norton -, ist hier der surreale Wiedererkennungseffekt noch stärker ausgeprägt. Die vorher erwähnte Ausnahme in der Besetzung stellt die Sprecherin von Renie Sulaweyu (Sophie Rois) dar, deren Stimme irgendwie zu kratzig, zu nervig wirkt. Ihre Kapitel sind daher die einzigen, bei denen man beim Hören irgendwie ein etwas negativeres Bauchgefühl hat. Aber vielleicht ist das auch Absicht.
Zu Beginn des Hörspiels scheinen die Effekte und Musikeinspielungen etwas überdimensioniert und tatsächlich ist das auch der Fall - Musik, Gebrüll, Maschinengewehrlärm und Geheule. Doch zum Glück ebbt die Reizüberlastung, mit der gleich am Anfang aufgewartet wird, danach wieder ab und regelt sich bis auf einige wenige Situationen auf ein akzeptables Niveau herunter.

Sehens- und erwähnenswert ist auch das Booklet des Hörspiels, in dem neben einigen Fotos während der Aufnahmen eine Komplettliste aller Sprecher und eine Kurzzusammenfassung der einzelnen Romane zu finden ist. Empfehlenswert ist auch die Homepage zum Hörspiel, wo es eine Menge Zusatzinformationen gibt.
Die 25. CD des Hörspiels lässt den immer noch interessierten Hörer gewissermaßen einen Audio-Blick hinter die Kulissen werfen. Zur Sprache kommen der Regisseur Walter Adler, der verantwortliche Komponist Pierre Oser sowie einige Sprecher. Ein nettes Zubehör, auch wenn einem nach 24 Stunden Hörbuch schon ein wenig die Kraft fehlt.

Zusammenfassend kann man feststellen: Die Hörspielversion von „Otherland“ hat zwar gewisse Ecken und Kanten, jedoch kann sie kaum mit einer konventionellen Produktion verglichen werden. Allein schon der Aufwand, der für die Entstehung betrieben wurde, lässt klar werden, dass hier nicht halbherzig an die Materie herangegangen wurde. Man hat nicht versucht die tausenden Seiten Romanvorlage 1:1 zu übernehmen, es ist jedoch gelungen den Kern der Erzählung hervorragend in Hörbuchform zu transferieren. Somit ist „Otherland“ als Hörspiel jedem Fan von Science-Fiction, Fantasy und Hörspielen nur zu empfehlen. Der Preis für das Gesamtwerk ist mehr als gerechtfertigt.

Details

Bewertung

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