Otherland

Der glücklichste tote Junge der Welt

von Tad Williams, Matthias Koeberlin (Sprecher/-in)
Rezension von Stefan Cernohuby | 20. Oktober 2008

Der glücklichste tote Junge der Welt

Eine mehrbändige Romansaga mag zwar in sich abgeschlossen sein, doch es gibt viele Handlungsstränge, die nicht an ihrem Ende angelangt sind. Genauso gibt es meist noch weitere Geschichten, die zwar im Kein vorhanden sind, aber nie erzählt werden. Tad Williams hat sich zumindest einem Handlungsfaden aus seinem epochalen Werk „Otherland“ angenommen und dazu die Kurzgeschichte „Der glücklichste tote Junge der Welt“ verfasst. Der Hörverlag nahm sich nach der gewaltigen Produktion der gesamten Serie als Hörspiel auch dieser Kurzgeschichte an, um sie als Hörbuch zu veröffentlichen.

Orlando Gardiner war sowohl ein schwerkranker Junge, als auch ein Held in der virtuellen Realität. Jetzt ist er vor allem eines, nämlich tot. Doch dank der gewaltigen Leistungsfähigkeit des „Otherland“-Netzwerks, wurde seine gesamte Persönlichkeit in eine virtuelle Realität transferiert, in der er jetzt „lebt“. Als eine der mächtigsten Personen im gesamten Netz kommt ihm von Tolkien’schen Bruchland aus die Aufgabe zu, die Entwicklung der verschiedenen Welten zu überwachen und bei Anormalitäten korrigierend einzugreifen. Dank des wahnsinnigen Dreadd, der sich für kurze Zeit zum Gottkaiser Otherlands aufgeschwungen hatte, hat er dazu mehr Gelegenheit als ihm lieb ist. Für seine Freundin Sam Fredericks hat er beinahe keine Zeit und die Einsamkeit als einzige reale Person im System macht ihn ziemlich niedergeschlagen. Auch die Idee seiner Eltern ihm die Möglichkeit zu geben, sich in einen Roboterkörper einzuklinken um sie „wirklich“ daheim besuchen zu können, ist nicht sehr hilfreich. Doch plötzlich taucht eine Frau bei Orlando auf, die behauptet ein Kind von ihm zu bekommen. Dabei handelt es sich um einen der Avialle-Schatten, ein Überbleibsel einer anderen echten Persönlichkeit. Hier gilt es ein Rätsel zu lösen, das ihn endlich wieder von seinen trübsinnigen Gedanken abbringt. Denn vielleicht ist das Otherland doch nicht ganz ohne Willen, wie es nach dem Tod des alten Betriebssystems lange den Anschein gehabt hat.

Matthias Koeberlin, der auch in der Hörspielproduktion die Stimme von Orlandos Avatar Thargor verkörpert hat, betätigt sich hier als Leser. Er tut dies sehr engagiert und schafft es überzeugend die unterschiedlichen vorkommenden Charaktere zu verkörpern. Lediglich bei Beezle - der einen sehr witzigen Auftritt als Hobbit „Bongo Fusselnussel“ hat - vermisst man ein wenig die Stimme aus dem Hörspiel. Die Handlung der Kurzgeschichte mag allerdings im Vergleich zu den Romanen etwas zu weit hergeholt erscheinen. Schließlich handelt die Erzählung im Grunde davon, dass ein toter Junger allem Unbill zum Trotz schließlich und endlich Vater wird. Diese Tatsache und die Auswirkungen für die handelnden Personen, sowie das „Otherland“ selbst, werden dabei näher behandelt. Leider ist dies nicht unbedingt die Handlung, die man sich erwartet. Somit kann die Hörbuchumsetzung trotz ambitionierter und professioneller Umsetzung - dem Leser Matthias Koeberlin ist überhaupt kein Vorwurf zu machen - aufgrund der leider etwas enttäuschenden Hintergrundgeschichte nur als durchschnittlich bezeichnet werden. Auch wenn das Hörbuch jedem Tad Williams-, Otherland- oder Matthias Koeberlin-Fan zu gefallen wissen wird, bleibt es doch nur eingeschränkt empfehlenswert. Alle andern sollten vielleicht doch lieber zu einem anderen Hörbuch greifen.

„Otherland - Der glücklichste tote Junge der Welt“ ist ein vom Hörverlag leidlich gut umgesetztes Hörbuchprojekt, das sich aber leider aufgrund der etwas enttäuschenden Geschichte nicht aus der breiten Masse des Durchschnitts abheben kann. Daher ist es nur wirklichen Fans zu empfehlen.

Details

Bewertung

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