Hinter der Kamera


Das Leben der großen Fotografen
von Juliet Hacking
Rezension von Michael Seirer | 11. Januar 2017

Hinter der Kamera

Jeder kennt sie - die Ikonen der Fotografie und Namen wie Henri Cartier-Bresson, Diane Arbus, Richard Alvedon oder Edward Steichen kommen einem in den Sinn. Aber eigentlich kennt man viel eher ihre Bilder, die den Zeitgeist der jeweiligen Epoche festhielten, und weniger die Personen, die für die Aufnahmen verantwortlich waren. Wie haben die Künstler gelebt, welche charakterlichen Eigenschaften zeichneten sie aus, was haben sie neben den bekannten Fotos noch an künstlerischen Werken hervorgebracht? Welche Fotografen kannten sich, waren befreundet oder lernten voneinander? Bei so mancher Biographie kommen dabei erstaunliche und interessante Details ans Tageslicht.

Das im Sieveking Verlag erschienene Werk beschreibt auf knapp über 300 Seiten das Leben von 38 Fotografen und Fotografinnen in alphabetischer Reihenfolge. Pro Fotograf finden sich ein (Selbst-)Porträt, ein einleitendes Zitat und ein bis zwei weitere, meist ganzseitige Fotografien. Die Texte sind vier bis sechs Seiten lang. Klassiker wie Ansel Adams, Eugène Atmet, Walker Evans, Man Ray oder Irving Penn fehlen dabei natürlich nicht. Aber auch unbekanntere Fotografen wie Peter Henry Emerson, Hannah Hösch oder Roger Fenton wurden in das Buch aufgenommen. Der Fokus liegt dabei auf dem Menschen hinter der Kamera. Informationen zu verwendeten Kameras, Techniken oder Ähnliches wird man in diesem Buch vergeblich suchen.

Immer wieder wird in den Texten auf andere Fotografen im Buch verwiesen und damit werden Zusammenhänge im Werk beziehungsweise in der Entwicklung des fotografischen Œuvres klarer. Positiv hervorzuheben ist außerdem, dass bei den Biographien Wert auf korrektes Zitieren, beziehungsweise ein vollständiges Offenlegen der Quellen gelegt wurde. Autorin Juliet Hacking beweist dabei profundes Wissen über die Geschichte der Fotografie und deren Literatur. Ein tieferes Einsteigen in die Materie ist damit leicht möglich. Ein ausführliches Register und ein Bildnachweis für die verwendeten Fotos runden das Buch ab.

Dass es auch unbekanntere Fotografen in das Werk geschafft haben, ist als sehr positiv zu bewerten. Neben den bekannten Klassikern gab es wohl viele Fotografen, die zu Unrecht in der Versenkung verschwanden. Auch die vielen Verweise zwischen den Biographien helfen, sich ein besseres Bild über die Entwicklung der Fotografen und auch der fotografischen Strömungen zu machen. Die Formulierungen sind jedoch oft sperrig und trocken und sie erlauben kein Nebenher-Lesen. Für diesen Review wurde die deutsche Ausgabe des Buches (übersetzt von drei Übersetzern) gelesen - möglich, dass das Original leichter lesbar ist.

Immer wieder wird auch auf weniger bekannte Aspekte im Gesamtwerk der Fotografen hingewiesen, beispielsweise, dass Ansel Adams nicht nur ein begnadeter Landschaftsfotograf war, sondern auch sozialkritische Aspekte in seinen Fotografien thematisierte. Bei so mancher Persönlichkeit gehen die Biographien in ihrer Deutung und Bewertung in unterschiedliche Richtungen. In diesen Fällen werden beide Ansätze angeführt und durch die vollständigen Quellenangaben kann man sich selbst ein differenzierteres Bild machen.
Die Qualität des Drucks und der Bindung sind sehr gut und man wird dieses Buch für lange Zeit immer wieder zur Hand nehmen können.
Der starke Fokus auf den Menschen hinter der Kamera führte wohl auch zu der insgesamt geringen Anzahl von Fotos, beziehungsweise den eher kleinen Darstellungen, was auch dem Format des Buches von 19,7 x 25,4 cm geschuldet ist.

Es lohnt sich, nicht nur die bekannten Bilder der großen Fotografen zu kennen, sondern auch die Künstler hinter den Fotografien. Ein erweitertes Verständnis ihrer Biographien bringt auch eine neue Tiefe im Verständnis der Werke und der historischen Fotografie. Durch die sperrigen Formulierungen, die Auswahl eher unbekannter Fotografien und das kleine Darstellungsformat ist das Werk jedoch nur Nerds der Fotografiegeschichte zu empfehlen, die zu den Klassikern schon deren bekannte Fotos kennen. Einsteigern sei ein Werk mit einem stärkeren Fokus auf großformatige Darstellung von Fotografien oder mit einem lockereren Stil nahegelgt.

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