Digital filmen


Das umfassende Handbuch
von Jörg Jovy
Rezension von Michael Seirer | 06. August 2020

Digital filmen

Immer beliebter werdende Social Media Plattformen lösten unter anderem einen stark wachsenden Bedarf an Fotos und Videos aus. Facebook, Instagram, Snapchat und auch Twitter - sie alle benötigen visuelle Medien, um die Botschaft an den Mann und an die Frau zu bringen.  Experten sagen voraus, dass die nächsten Jahre die Bedeutung von Videos  noch weiter steigen wird. Egal ob es dabei um ein paar Erinnerungsvideos aus dem privaten Urlaub, ein Hochzeitsvideo oder ein professionell erstelltes Imagevideo für eine Firma handelt: ohne gute Planung, Aufnahme und Schnitt wird das Ergebnis nicht zufriedenstellend sein. Jörg Jovy zeigt in seinem Werk, welches bereits in der 3. aktualisierten Auflage vorliegt, wie man die komplexen Aufgaben erfolgreich bewältigt.

Die erste Auflage wurde bereits vor acht Jahren veröffentlicht und die Technik hat sich in dieser Zeit rasant weiterentwickelt. Grundlegende Arbeitsschritte beim Erstellen eines guten Filmes sind jedoch gleich geblieben: Noch immer braucht man eine gute Geschichte (Story telling nennt sich das auf Neudeutsch) und Dramaturgie für ein außergewöhnliches Ergebnis. Der Aufwand hat sich indes verschoben, beziehungsweise ist um einiges geringer geworden.  War früher ein ganzes Team notwendig, ist heute theoretisch alles von einer Person realisierbar (auch wenn ein Team wohl oft immer noch bessere Ergebnisse ermöglicht). Das Buch beschreibt die wesentlichen Aufgaben von Autor/Regisseur, Kameramann, Cutter und die Zutaten, die einen guten Film ausmachen. Die Filmidee wird von einer Logline, über ein Exposé, einem Treatment über ein Drehbuch bis zum realisierten Film immer weiter verfeinert und konkretisiert. Das Kapitel “Be prepared” beschäftigt sich mit Vorbereitungsarbeiten, die zwar mit dem Aufnehmen des Films direkt nicht viel zu tun haben, aber dennoch wichtig sind. Hier geht es um Themen wie Budget, Kontinuität (engl. Continuity) und auch rechtliche Rahmenbedingungen. Der Abschnitt “Aufnahme” beginnt mit Grundlagen wie Standards für Bildbreite, Fernsehstandards und Seitenverhältnisse, Farbräume, HDR und Aufnahmestandards und arbeitet die Unterschiede zwischen Camcordern, DSLRs, semiprofessionellen Kameras und Systemkameras heraus. Ausführlich werden Zubehör (Licht, Ton, Stative, Schwebesysteme, Filter usw. besprochen.

 

Hier sind wohl nur dem Budget Grenzen gesetzt. Ausgehend von einer Fotokamera wird dann mittels Zubehör ein komplettes Set für Filme zusammengestellt. Nach einem Kapitel über Drohnen geht es dann ins Praktische über: Das Handwerk des Filmens. Dabei bewegen sich die Kapitel von wichtigen Details (wie definiere ich die für die Szene passende Schärfentiefe) bis hin zu übergreifenden Themen wie Kamerafahrten oder die richtige Mischung von Totale, Halbtotale und Naheinstellungen. Beispiele runden die Erläuterungen gut ab. Das wichtige Thema Continuity darf natürlich auch nicht fehlen - inklusive Master-Szene Technik, Stop-and-Go Variante und der 180-Grad-Regel. Ausführlich widmet sich der Autor dann dem Thema Schneiden und präsentiert Gedanken zum Strukturieren der Dateien auf der Festplatte und einer kurzen Einführung zu Adobe Premiere Pro. Auch wenn der Autor hier ein bestimmtes Programm als Beispiel nimmt, versucht er, die Ausführungen allgemein zu halten, da sich die grundlegenden Prinzipien überall ähneln. Gleiches gilt für die Ausführungen zum (guten) Ton, sprich Audio. Auch der Einsatz von Bauchbinden, Titling und Video Effekten dürften bei einer Reportage nicht fehlen. Kapitel zur Ausgabe des Films, die dafür notwendigen Einstellungen, Archivierung, Glossar und Index runden das umfassend Werk ab. 

Mit 671 Seiten verdient es sich den Untertitel “Das umfassende Handbuch” in der Tat. Folgt man dem Buch, so bewegt man sich chronologisch von der Idee über das Ausformulieren, der Vorbereitung, dem Filmen hin zu Schnitt und Montage bis hin zur Veröffentlichung. In einigen Kapiteln jedoch macht sich der “Handbuchcharakter” doch bemerkbar, zum Beispiel bei der Auflösung möglichen Zubehörs oder Softwarelösungen. Wer nicht wirklich einen ziemlich kompletten Überblick im entsprechenden Bereich erlangen möchte, muss hier selektiv lesen und Abschnitte überspringen. Klar, ein “Handbuch” wie sich das vorliegende Werk nennt, arbeitet so. Der Leser sollte sich nur im Klaren sein, ob er auch so lesen möchte.

Spannend ist jedenfalls das Kapitel über Smartphone-Video, das weniger durch die geringeren Kosten/Gewicht oder Verfügbarkeit (fast jeder hat schließlich heutzutage ein Smartphone) argumentiert wird, sondern weil die User den Smartphone-Look wollen. Diskussionswürdig ist jedenfalls der Kommentar, ein beim Filmen vertikal gehaltenes Handy sei falsch gehalten - seit Stories von Instagram die Welt im Sturm eroberten haben und kopiert wurden - ist dies erstens akzeptierter denn je und zweitens werden sich eben auch die Sehgewohnheiten der Betrachter ändern. Durch die Erfahrung des Autors beinhaltet das Buch viele gute und praxisrelevante Tipps und Tricks, die jedoch im langen Text versteckt sind. Man muss das Buch schon durchlesen, um diese zu finden. Positiv ist anzumerken, dass auch das Thema Archivierung nicht vergessen wurde, obwohl sich dieses leider nur mit den unterschiedlichen Medien beschäftigt. Es fehlt eine Übersicht, wie ein sinnvolles Backupsystem in seiner Gesamtheit (mit mehreren Speicherorten, -medien und den automatisierten Prozessen dazwischen) aussehen könnte. Nicht zuletzt sind alle verwendeten Materialien auf der Rheinwerk-Webseite zum Download verfügbar - sehr gut!

Egal, wie dick ein Buch über digitales Filmen auch ist - vor Ort am Dreh gibt es immer Probleme, die mehr oder weniger elegant zu umschiffen sind. Das vorliegende Buch ist dabei und vielen anderen Phasen der Filmerstellung eine große Hilfe und zeigt für einige zu erwartende Situationen, wie am besten damit umgegangen werden kann. Wer sich also in das Thema digital Filmen einlesen möchte und den umfassenden Texte dazu nicht stören, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.

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