Der rote Faden


Neue Fotoprojekte konzipieren und verwirklichen
von Meike Fischer
Rezension von Michael Seirer | 26. März 2018

Der rote Faden

Kameras werden immer omnipräsenter. Einerseits durch die immer besser werdende Technik in Smartphones, andererseits durch die ebenfalls rasante Entwicklung im Bereich der spiegellosen Kameras. Dazu kommen Bildstabilisatoren, immer höhere ISO Zahlen und Autofokusmodule, die immer auf das Auge in Gesichtern fokussieren. Erfreuliche Zeiten für Fotografie-Begeisterte sollte man meinen. Ein technisch gutes Foto ist immer leichter zu erstellen. Selbst Wissen zur Bildkomposition ist immer weiter verbreitet und führt zu soliden Einzelbildern. Beschäftigt man sich aber etwas mit seinen eigenen Fotos und versucht, Serien aus dem eigenen Fundus zusammenzustellen, erreicht man schnell Grenzen. So richtig wollen die Fotos einfach nicht zusammenpassen. Wie machen das nur andere Fotografen? Wie fotografiert man eine kohärente Serie von Bildern? Wie konzipiert man eine gelungene Fotoreportage?

Das Buch von Meike Fischer will zeigen, wie man mit Konzept arbeitet. Weg vom einzelnen, technisch oft durchaus guten Foto, hin zu Serien, die unterschiedliche Aspekte eines Themas beleuchten. Dabei muss es sich nicht gleich um ein Langzeitprojekt handeln, das viele Monate oder Jahre dauert. Viele der bekannten Fotografen sind deshalb bekannt, weil sie zu einem Thema umfangreiche Arbeiten abgeliefert haben. Beispielsweise sind Bernd und Hilde Becher für ihre nüchternen Industriebauten, Diane Arbus für ihre Reportagen und Portraits von Menschen am Rande der “normalen” Gesellschaft oder auch Berenice Abbott für ihre Architekturfotos von New York in den 1930er und 1940er Jahren bekannt.
Ausgangspunkt ist die Arbeit mit dem eignen Archiv. Es kann dabei helfen, eigene Vorlieben und Interessen besser zu erkennen und zu stärken. Stehen gerne spezielle Subjekte im Vordergrund? Sind es spezielle Aufnahmetechniken oder formale Aspekte die einen antreiben und faszinieren? Dieser Ansatz hilft von guten Einzelbildern zu Serien zu kommen.
Kapitel drei, “Das fotografische Thema”, beschäftigt sich dann mit der Themenauswahl und wie man Inspirationen dazu finden kann. Nach der unterschiedlichen Arbeitsweise bei Kurz- und Langzeitprojekten geht es in Kapitel fünf dann um die Unterscheidung zwischen Bildkonzept und Bildidee sowie der Entwicklung einer eigenen Bildsprache. Eine Abgrenzung der Begriffe Bildpaar, Triptychon, Fotoserie, Fotogeschichte, Fotoessay und Fotoreportage dient eher dem Sortieren der eigenen Gedanken und Konzepte als der glasklaren Unterscheidung der Schubladen. Wichtiger Lerneffekt: Einfach drauf los fotografieren (möglichst alles!) und dann versuchen, was daraus zu machen funktioniert nicht!
Kapitel sieben widmet sich Strategien zur erfolgreichen Auswahl von Bildern. Ein wichtiger Prozess, in dem oft stärkere (Einzel-)Fotografien zu Gunsten schwächerer, aber besser in die Serie passenden Fotografien, ausgetauscht werden. Die letzten 100 Seiten beschäftigen sich mit der Präsentation der Ergebnisse: Sei es in Form von Fine-Art Ausdrucken an der Wand, als Fotobuch, auf der eigenen Webseite oder als Portfolio. Das umfangreiche Thema Drucken wird zwar außen vor gelassen, dafür widmet sich das Buch ausführlich Formaten, Rahmung und Hängung.

Umfangreiche Beispiele der Autorin und Trainings, in denen ganz konkrete Aufgaben an den Leser gestellt werden, vertiefen das Verständnis des Gelesenen ungemein. Diese sind aufwändig und oft mit 8 bis 16 Stunden veranschlagt. 

Wichtig ist auch zu verstehen, dass es nicht immer jahrelange Projekte sein müssen. Auch kleine Bildgeschichten oder Tagesprojekte werden in dem Buch angesprochen. Ein Langzeitprojekt ist andererseits nicht gleichbedeutend mit einem komplizierten Konzept. Richtig gut kann man nur das ablichten, was man versteht und gut kennt. Ansonsten bleibt man an der Oberfläche und gibt Klischees wider. 

Das vorliegende Buch ist bereits die zweite Auflage. Die Themen Webseite und Portfolio wurden hier extra aufgenommen.

“Der rote Faden” überzeugt gleich auf mehreren Ebenen. Zum einen ist es ein Buch, das fast gänzlich ohne Technik auskommt. Für die konzeptionelle Arbeit ist es grundsätzlich unerheblich, welche Kamera, welches Objektiv oder sonstige technische Hilfsmittel verwendet werden. Unverständlicherweise stehen trotzdem neben den Beispielbildern immer die Metadaten (Blende, Belichtungszeit etc.). Wir meinen: entbehrlich. 

Zum anderen beinhaltet es viele Trainings, die detaillierte Aufgabenstellungen zum aktuellen Kapitel enthalten. Folgt man diesen Mini-Projekten, ist man viele Tage und Wochen mit dem Buch beschäftigt. Beispielhaft sei hier das Training „Eine Stadt über Spiegelungen fotografieren” erwähnt. Hier wird neben den offensichtlichen Motiven wie  Schaufenster oder Autoscheiben auch darauf hingewiesen, dass vor dem Loslaufen überlegt werden soll, WAS eigentlich genau fotografiert werden soll: die Architektur der Stadt, das Leben, alte und neue Gebäude im Kontrast etc.. Interessant ist zum Beispiel auch der Hinweis, vor Ort erst einmal eine Stunde OHNE Kamera zu fotografieren - also den Ort nur auf sich wirken zu lassen und bewusst zu beobachten. Ebenso die Einbindung von befreundeten Fotografen in die Trainings ist ein hilfreicher Trick, da sich die eigene Entwicklung durch Kommunikation und Feedback von anderen Fotobegeisterten potentiell deutlich beschleunigen lässt. 

Besonders hervorzuheben ist das Kapitel über die Präsentation der entstandenen Serien und Essays. Neben den verschieden Arten der Rahmung wird auch detailliert auf die Wirkung unterschiedlicher Seitenverhältnisse und Hängungen beschrieben und durch Bilder anschaulich dargestellt. Beachtet werden Details wie die Rahmenfarbe oder warum in einigen Fällen kein Passepartout verwendet wurde. Wir halten es für wichtig, dass Fotografien nicht nur auf irgendwelchen Festplatten vergammeln, sondern eine qualitativ hochwertige Ausgabe zum Prozess dazugehört. Eine Liste von empfohlenen künstlerischen Fotobüchern rundet das Thema ab. 

Die Kapitel Webseite, Fotobuch und Portfolio sind eher kurz geraten und geben nur einen grundsätzlichen Überblick. 

Das Thema Bildbearbeitung wird konservativ behandelt: Erlaubt ist, was gefällt. Jedoch werden Filter und ähnliches nur empfohlen, wenn sie das Konzept unterstützen. 

Die gewählten Beispielbilder der Autorin veranschaulichen die einzelnen Themenbereiche gut, der Text ist gut verständlich und damit für Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen geeignet.

“Der rote Faden” ist ein wunderbar treffender Titel für das Buch. Es ist erfrischend anders, beinhaltet es doch keinen technischen Schnickschnack, wenig Bildbearbeitung sondern fokussiert sich auf eine erfolgreiche Umsetzung von Konzept und Bildidee. Nach der Lektüre ist klar, warum “Es ist immer ein roter Hase im Bild” kein tragfähiges Konzept sein kann. Wer von technisch guten Einzelbildern fotografisch den nächsten Entwicklungsschritt hin zum Arbeiten in Serien, Reportagen und Essays machen möchte, dem ist das Buch wärmstens zu empfehlen.

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