Der abstrakte Blick


Kompositionsschule für eine künstlerische Fotografie
von Torsten Andreas Hoffmann
Rezension von Michael Seirer | 27. Februar 2017

Der abstrakte Blick

Jedes Jahr werden immer mehr Fotos gemacht und in den sozialen Medien verbreitet. Motive von entlegenen Gegenden oder traumhaften Urlaubszielen wurden schon hundertmal abgelichtet und sind deshalb nichts Besonderes mehr. Eine Möglichkeit, sich fotografisch von diesem Einheitsbreit abzusetzen ist, sich vom Ablichten der Wirklichkeit mehr und mehr zu lösen und abstrakten Formen und Mustern Aufmerksamkeit zu schenken. Das kann bis zur völligen Abstraktion gehen. Torsten Andreas Hoffmann zeigt in seinem Werk, wie das gelingen kann.

Das im dpunkt.verlag erschienene Buch ist in vier große Blöcke geteilt: Formensprache, Gestaltung mit Farbe, der abstrakte Blick in der Praxis und Wege zur vollkommenen Abstraktion. Im ersten Teil “Formensprache” stellt der Autor die optischen Grundformen Punkt, Linie, Streifen,Fläche, Kreis, Oval, Bogen, Dreieck, Rechteck, Quadrat und deren Kombinationen vor. Dabei werden diese mit eigenen Fotografien bebildert und im Detail besprochen. Im nächsten Schritt geht es um das Verteilen der Formen im Bild und wie Spannung und Gleichgewicht erzielt werden können. Es wird die Frage erörtert, ab wann ein Bild zu viel Chaos beinhaltet, als dass es noch erfasst werden könnte. Natürlich darf dabei der goldene Schnitt nicht fehlen. Schlussendlich widmet sich der Autor noch den Themen Reduktion und Lenkung des Blicks im Bild.

 

Im zweiten Teil “Gestaltung mit Farben” werden Farbtheorie, die psychologische Wirkung von Farben, die Spezialfälle Schwarz und Weiß und die unterschiedlichen Farbkontraste wie zum Beispiel Komplementärkontrast, kalt-warm Kontrast und Qualitätskontraste erläutert.

Im dritten Teil befasst sich der Autor mit der Entwicklung des abstrakten Blicks in unterschiedlichen Genres wie Stadt, Natur und Banales und Unbedeutendes. Er gibt dabei nützliche und praktische Tipps, wie man sich einer abstrakte Komposition nähern und sich diese “erarbeiten” kann.

Schlussendlich werden die fotografischen Mittel der (digitalen) Doppelbelichtung, (analoge) Fotogramme und Unschärfe dazu verwendet, sich der vollkommenen Abstraktion zu widmen.

Das reich bebilderte Buch und die dazugehörigen Erklärungen unterstützen den Leser, sich gedanklich von der Gegenständlichkeit der Fotografien zu lösen und diese abstrakt zu denken. Dazu gehört auch, vorgefasste Meinungen über Bord zu werfen, was fotografierenswert ist und was nicht.

Abstrakte Bilder sind nicht jedermanns Sache. Es bedarf einer gewissen Übung, um solche Bilder “lesen” und wertschätzen zu können. Das Buch hilft auf dem Weg eigene abstrakte Fotos zu erstellen durch eine Vielzahl von gelungenen Beispielen. Oft werden mehrere unterschiedliche Ausschnitte von einem Motiv betrachtet und diskutiert. Dadurch erkennt man als Leser die teilweise deutlich unterschiedliche Wirkung besser. Auch nicht gelungene Beispiele werden angeführt.

Ausgesprochen hilfreich sind außerdem die zahlreichen Querverweise des Autors auf Künstler der abstrakten Malerei und Fotografie. Eine Suche in der Suchmaschine der Wahl lässt einen noch tiefer in die Thematik eintauchen. Ein ausgewähltes Literaturverzeichnis zum vertieften Studium wäre jedoch noch besser gewesen. Die Kapitel und auch die beschreibenden Texte zu den Fotos sind in verständlicher Sprache verfasst.

Wer sich dem Thema abstrakte Fotografie aus der technischen Richtung nähern will, ist in diesem Buch allerdings falsch. Kamera- und Aufnahmetechnik, konkrete Einstellungen oder Anleitungen wird man vergebens suchen. Das ist auch gut so - denn der Fokus sollte, wenn es nach dem Autor geht, eben auf den Formen, deren Verteilung im Bild und den bewussten Einsatz von Farbe liegen. Einzig ein Makroobjektiv wird empfohlen.

Im dritten Teil finden sich einige praktische Tipps, wie man sich vom Trubel der Großstadt abschottet und auch dort zu starken abstrakten Kompositionen kommen kann. Nach der Lektüre ist man aber auch in der Lage gegenständliche Fotos besser zu analysieren und zu verstehen, warum manche besser “funktionieren” als andere.

Wer weg von typischen Touristenschnappschüssen und Postkartenfotos kommen will, findet in der Abstraktion seiner Fotos eine Möglichkeit dazu.
Das vorliegende Buch liefert viele konkrete Ideen und Hinweise, wie man sich abstrakte Fotografien mit der erforderlichen Ruhe nähert, was abstrakte Fotos ausmacht und wie man selbst gute Kompositionen erstellt. Der Leser wird in leicht verständlichen Kapiteln auf dem Weg zur vollkommenen Abstraktion begleitet und das Buch bietet durch das Einstreuen von zum Thema passenden Malern und Fotografen einen ausreichenden Fundus an weiterführenden Verweisen.

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