Ihr Name war Tomoji

von Jiro Taniguchi
Rezension von Manfred Weiss | 14. Mai 2016

Ihr Name war Tomoji

Biografien dienen in der Regel dazu, für die Nachwelt zu dokumentieren, was eine Person Besonderes vollbracht hat. Was aber, wenn es in einer Biografie nicht darum geht, was der Held der Biografie geleistet hat, sondern praktisch nur darum, was ihn zu dem Menschen gemacht hat, der er war? Jiro Taniguchi verwendet diese Erzählperspektive in seinem neuen Manga „Ihr Name war Tomoji“. Darin erzählt er die Geschichte einer Nonne aus der Perspektive ihrer Kindheit und Jugend.

Das Buch schildert das Leben von Tomoji Uchida, die in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts gelebt hat. Taniguchi fokussiert seine Erzählung jedoch hauptsächlich auf ihre Kindheits- und Jugendjahre und erwähnt nur am Rande, dass sie im weiteren Verlauf ihres Lebens den Shojushin-Tempel in Tachikawa gründete und vom Daigo-Tempel den Titel “Daisojo” verliehen bekam. Als erste als Laie lebende Nonne in der über tausendjährigen Geschichte des Tempels.
Doch gemach, das ist nur der Hintergrund, der historische Rahmen der Geschichte, welche uns Jiro Taniguchi erzählt. Die konkrete Handlung ist vielmehr das Heranwachsen von Tomoji Uchida bis zu ihrer Verheiratung. Es ist die Geschichte einer harten und oft entbehrungsreichen Kindheit und Jugend in den Bergen. in der Nähe von Tokyo. Eine Aneinanderreihung der prägenden und schicksalshaften Momente des jungen Lebens von Tomoji. Bestimmt von einer atemberaubenden Natur, von schmerzlichen Verlusten, aber auch getragen von viel Liebe und Zuwendung.
Taniguchi zeichnet dabei ein genaues Bild der Landschaften, die das Leben Tomojis prägten, der Menschen und auch der kulturellen und Werte bildenden Umgebung.
Nichts in dieser Kindheit und Jugend deutet direkt auf die weitere “Karriere” Tomojis hin und doch ist alles auch wieder schlüssige Voraussetzung. Die Beziehungen zu Mutter, Vater und Großmutter und auch zu den Geschwistern. Das einander an der Hand nehmen und das Verlieren, die Freude, die Tränen. Und letztlich der unbändige Wille Tomojis, ihr Leben allen Schicksalsschlägen zum Trotz, zu einem glücklichen Leben zu machen. Oder wie Taniguchi es Tomoji an einer Stelle zu ihrer lang verstorbenen Schwester sagen lässt:  “Ich verspreche, dass ich mein Glück finden werde. Ein Glück groß genug für dich und mich …”.

Wie alle Bücher Jiro Taniguchis ist auch “Ihr Name war Tomoji” zeichnerisch von atemberaubender Schönheit. Wie immer spielt Taniguchi virtuos mit Perspektiven und Bildfolgen. Manche Bildreihen erinnern an ein hochpräzises Storyboard für einen Film, manche Einzelbilder an für sich alleinstehende zeichnerische Meisterwerke. Zudem mischt Taniguchi auch immer wieder Zeichnungen von Fotografien in den Handlungsablauf, die wunderbare, stille Kontrapunkte zu den handlungsbegleitenden Bildern schaffen.
Neben dieser zeichnerischen Virtuosität begeistern auch Landschaften,historische Details und Hintergründe, wie die Darstellung des Reisanbaus oder der tägliche Betrieb des Ladens der Großmutter.
“Ihr Name war Tomoji” versetzt den Leser in ein vergangenes Japan zurück, fernab von aller Religiosität, die das spätere Leben von Tomoji so bestimmt hat. Buddhismus selbst bleibt im Buch ganz ausgespart. Hintergrund ist nur Tomojis eigene Geschichte, die unkommentierte Basis ihres Lebens bleibt. Es wird nichts Zukünftiges hergeleitet, es wird nur berichtet.
Ein spannender Ansatz zu erzählen, dem es aber letztlich doch ein wenig an der Abrundung durch das fehlt, das den Teil des Lebens Tomojis ausmacht, der eigentlich Auslöser des Entstehens der Biografie war. Nämlich ihr Wirken als Nonne und Gründerin des Shojushin-Tempels. Es ist als ob das Buch nur ein erster Teil ist. Irgendwie fehlt der zweite Teil, der die Biographie komplett machen würde. Dieser Teil des Lebens Tomojis wird erwähnt, aber nicht näher ausgeführt. Es bleibt der Hunger nach mehr, doch der bleibt ungestillt. Aber vielleicht ist genau das die Spiritualität, die gemeint ist.

“Ihr Name war Tomoji” ist trotz des geistlichen Vermächtnisses von Tomoji Uchida kein Buch für Leser, die nach konkreten Einblicken in buddhistische Spiritualität in Japan suchen. Es ist ein Buch für alle, die am historischen Japan und an gezeichneten Erzählungen - per se eine große japanische Tradition - interessiert sind. Es steht weniger die Handlung im Vordergrund, als die Gesamtstimmung, die durch die Zeichnungen und erzählten Geschichten aus dem Leben Tomojis entsteht.
Wie bei allen Werken Jiro Taniguchis empfiehlt es sich auch bei diesem Buch es wie einen Film zusammenhängend zu lesen und Bilder und Erzählung nachwirken zu lassen. Auch ein Wiederlesen bietet sich an. Aber ebenso lässt ein Blättern in den Bildern der Erzählung die  Stimmung und Momente des Buches leicht und bewegend wieder aufleben.
Einfach und unaufgeregt schön.

Details

  • Autor/-in:
  • Verlag:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    04/2016
  • Umfang:
    176 Seiten
  • Typ:
    Taschenbuch
  • ISBN 13:
    9783551761040
  • Preis:
    16,90 €

Bewertung

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