Weißer Wolf

Wolfswille

von Melanie Vogltanz
Rezension von Stefan Cernohuby | 10. Juni 2024

Wolfswille

Es gibt Menschen, die behaupten, es gäbe keine Zufälle. Stattdessen wäre da ein großer Plan, in dem alle eine Rolle spielen, unerheblich obman das will oder nicht. Im Roman „Wolfswille“ von Melanie Vogltanz gibt es zahlreiche Handlungselemente, die wie Puzzleteile ineinanderpassen. Doch wenn es tatsächlich einen Plan gäbe, würde der Protagonist des Romans die dafür Verantwortlichen vermutlich lautstark beschimpfen.

Alfio hat nicht nur einen seltsamen Namen, er ist auch schon sehr alt. Da er ein Wolfsmensch ist, ein Formwandler, sieht man ihm das jedoch nicht wirklich an. Doch er ist in einen harten Kampf mit sich selbst verstrickt. Stets kämpft er dagegen, dass seine bestialische Natur die Oberhand gewinnt – denn dann kann er nicht kontrollieren, was geschieht. Nur durch Schmerz und Opium hält er den Wolf teilweise unter Kontrolle. Und doch gerät er in Schwierigkeiten, als irgendein Verrückter in London damit beginnt, Prostituierte zu töten. Denn nicht nur, dass er eine der Damen kennt, ihre Beschützerin ist eine Strigoi, eine Blutsaugerin. Und diese hat sofort ihn, den Hemykin, im Verdacht, jener Ripper zu sein. Durch fingierte Beweise gelingt es Clarence Shade, Alfio hinter Gitter zu bringen. Doch mehrere Versuche Alfio zu töten scheitern. Er ist nicht so leicht umzubringen. Da sich ein Arzt für ihn einsetzt, wird Alfio wieder freigelassen und zieht sich in die Wildnis zurück. Als er etwas später wieder zurückkehrt, hat sich an der Situation in der Stadt wenig verändert. Doch der Arzt, der ihm die Freiheit ermöglicht hat, möchte versuchen, die Kontrolle über seine Verwandlung zu erlangen. Doch dabei liefert sich Alfio einer ganz anderen Gefahr aus...

Was haben Bram Stoker, Mary Shelley und Jack the Ripper miteinander zu tun? Nichts Direktes, möchte man meinen. Und doch gibt es die Möglichkeit, zahlreiche Gothic-Klassiker miteinander zu verbinden. Das ist etwas, das Melanie Vogltanz in ihrem Roman „Wolfswille“ tut, ohne dass es zu weit hergeholt scheint. Kein Wunder, ranken sich um den geheimnisvollen Mörder in Whitechapel doch so viele Legenden und Geschichten, dass man das ganze Thema ohne Probleme ins Reich das Phantastischen erheben könnten. Es gibt ein paar Details in der Handlung, von denen man nicht ganz so sehr überrascht wird, wie man gerne überrascht werden würde, aber das schmälert den Lesegenuss nur unwesentlich. Sehr konsequent ist auch, dass die Autorin im Protagonisten gar keine falsche Hoffnung aufkommen lässt, dass sich seine Situation merklich zum Besseren wenden könnte und er auf die eine oder andere Weise Frieden, Freundschaft oder ein normales Leben finden könnte. Hier wird mit dunklen Farbtönen gemalt. „Wolfswille“ ist ein für sich stehender Roman, der Ausgangspunkt einer eigenen Trilogie ist und nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne ein längst verdientes Facelift erhalten hat.

„Wolfswille“ von Melanie Vogltanz ist eine Gratwanderung zwischen Horror und Fantasy. Manchmal glaubt man, sie würde ihren Charakteren die Chance geben, sich aus dem Elend ihrer Existenz zu befreien, doch die Autorin bleibt unbarmherzig. Das Werk ist eine liebevolle Hommage an mehrere Gothic-Klassiker, wenn man liebevoll mit düster assoziiert. Harmoniebedürftigen Lesern, die nach einem Happy-End suchen, sei der Griff zu einem anderen Werk empfohlen. Wer Horror, Fantasy, Historisches und Übernatürliches mag und sich an ein wenig Blutvergießen nicht stört, dem kann man das Werk gerne ans (schwarze) Herz legen.

Details

Bewertung

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