Archibald Leach

Archibald Leach und die Monstrositäten des Marquis de Mortemarte

von Markus Cremer
Rezension von Stefan Cernohuby | 14. Januar 2018

Archibald Leach und die Monstrositäten des Marquis de Mortemarte

Ein Roman hat viele verschiedene Ebenen, auf denen er überzeugen muss. Da sind natürlich die Handlung, der Schreibstil des Autors und die Glaubwürdigkeit der Charaktere. Zu guter Letzt kommt nicht nur zum Tragen was und mit welcher Länge man eine Geschichte an die Leser heranträgt, sondern vor allem auch wie. Und hier kommt der Roman „Archibald Leach und die Monstrositäten des Marquis de Mortemarte“ von Markus Cremer ins Spiel. Denn die Geschichte allein ist hier nur die halbe Miete.

Nach einer eindrucksvollen Übersicht über die bisherigen (kurzen) Abenteuer von Archibald Leach und seiner Gefährtin Sarah Goldberg revanchiert sich Katharina Fiona Bode mit einem Vorwort aus der Sicht ihrer Romancharaktere Erasmus Emmerich und seiner Qualmfee Marie für die Zwischenkapitel mit Archibald Leach in ihrem Roman. Dann geht es mit der eigentlichen Handlung los. Diese beginnt mit einer großen Enttäuschung. Denn Sarah Goldberg erwartet nach einer dementsprechenden Ankündigung von Archibald Leach, von ihm in die feinere Gesellschaft eingeführt zu werden. Passend dafür gekleidet geht es allerdings schnurstracks nach Whitechapel – nicht gerade einer Gegend für feine Leute. Dort nimmt das Abenteuer seinen Anfang. Denn Archibald Leach schleift die immer streitlustige Mechanikerin mit der gefährlichen Prothese von einem fragwürdigen Ort an den nächsten, ohne dass Sarah eine Chance hat, sich abzusetzen. Was in einem schlechten Viertel London beginnt, verwandelt sich zu einer halben Weltreise. Denn der sinistere Marquis de Mortemarte hat einen Weg gefunden, die Äther-Theorien Archibald Leachs für dunkle Zwecke zu nutzen – er will Menschen in Tier-Hybriden verwandeln. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der über verschiedene Kontinente führt und vieles verändert. Vor allem Sarahs Einstellung zu Übernatürlichem, ihr Status in verschiedenen Ländern und auch ihre Beziehung zu Archibald Leach machen eine starke Wandlung durch.

Absichtlich wurde hier nicht näher auf die weiteren Stationen der Reisen eingegangen. Denn Autor Markus Cremer hat nicht davor zurückgeschreckt, zahlreiche Gestalten aus Geschichte und Literaturgeschichte in seine Handlung zu integrieren. So kann man sich diesbezüglich überraschen lassen – und hier sei vorausgeschickt, das Warten lohnt sich. So gut wie jedes Kapitel beginnt mit einem pathetischen Zitat von Sarah Goldberg, über das man sich im Zusatztext sofort wieder lustig macht. So sind die Zitate gekürzt, sind nur Auszüge, eigentlich gestrichen oder nur ein Bruchstück, aber trotzdem meist eine halbe Seite lang. Auch die Beziehung der Protagonisten zueinander ist amüsant. Die Tüftlerin und Technikerin Goldberg liegt ständig im Streit mit dem Mystiker und Denker Leach. Dennoch merkt man als Leser, dass da mehr zwischen den beiden ist, als Gegensätze. Und auch alle vorkommenden Charaktere scheinen das instinktiv zu wissen, außer eben den beiden selbst. Und so begleitet man die beiden durch eine Romanhandlung, die fast schon zu lang für die erzählte Geschichte ist. Doch hier kommt das zu Beginn erwähnte „wie“ mit ins Spiel. Denn die lockere und leichte Erzählung, die stets einen amüsanten Kommentar hervorzaubert, immer wieder eine Anspielung auf die Popkultur der letzten Jahrzehnte mit einbindet, lässt einen nicht los. Und so ist man doch ein wenig traurig, wenn man am Ende des Abenteuers ankommt – selbst wenn man weiß, dass der Autor bereits am Folgeband arbeitet.

„Archibald Leach und die Monstrositäten des Marquis de Mortemarte“ ist zwar kein leicht verdaulicher Titel, dafür hält der Inhalt umso mehr positive Überraschungen bereit. Exzentrische und gegensätzliche Protagonisten, viel Witz und Humor, zahlreiche Anspielungen und eine Menge Steamfantasy. Es handelt sich um ein Werk, das man sicherlich bei mehreren Preisverleihungen wiederfinden wird. Und man darf gespannt auf die Fortsetzung sein, an welcher Markus Cremer bereits arbeitet. Was also will man mehr?

Details

Bewertung

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