Die Büglerin

von Heinrich Steinfest
Rezension von Elisabeth Binder | 02. Januar 2019

Die Büglerin

In einem Zeitungsinterview meinte Heinrich Steinfest einmal, dass er eigentlich nur an dem einem, großen Buch schreiben würde, von dem die LeserInnen in regelmäßigen Abständen kleine Leseproben erhielten. Die jüngste dieser Geschichten fällt wieder einmal in die Kategorie des metaphysischen Kriminalromans.

Die Geschichte beginnt mit dem Kapitel -1 und zeigt eine Frau, deren Name im letzten Satz als Tonia angegeben wird, die sich den schlecht bezahlten Job einer Büglerin in gut betuchten deutschen Haushalten bewusst als Strafe ausgesucht hat. Tonia heißt mit vollem Namen Antonia Schreiber,  wurde auf einer Segelyacht im südlichen Pazifik geboren, ist Tochter von Eltern, beide ausgebildete Botaniker, die durch einen glücklichen Zufall zu Millionären wurden, sich eine Villa und eine Yacht kaufen konnten und somit ein sorgloses Leben dazu. Mit 14 endet für Tonia das Leben auf See und sie wird auf ein Internat geschickt. Die Eltern segeln weiter, allerdings mit ihren Streitereien und Alkohol mehr als genug beschäftigt. Nach zwei Jahre verunglücken die Eltern auf hoher See und Tonia beschließt, auf die Obsorge ihrer Großeltern zu verzichten und in die Villa zu ziehen. Nach dem Tod des Vaters taucht die Halbschwester Hannah auf, mit der sie sich anfreundet, nachdem alle Streitigkeiten rund um das Erbe juristisch beseitigt sind. Die beiden verbringen sehr unbeschwert einen Gutteil der 1990er Jahre gemeinsam in der Villa, mit Studium und Leben beschäftigt. Das noch immer reichlich vorhandene Geld ermöglicht Tonia eine Existenz als frei forschende Meeresbiologin, die sich ausführlich dem Thema der Verzwergung widmen kann. Hannah wird schließlich schwanger und Tonia zur professionellen Tante und Zweitmutter von Emilie. Diese Idylle hält sich bis zum Dezember 2011, als Emilie bei einem gemeinsamen Kinobesuch von einer Kugel tödlich getroffen wird, die ein Mann kurz vor seinem Selbstmord noch aus seiner Pistole ins Auditorium feuert. Tonia sitzt hinter dem Mann und versucht einzugreifen, kann das Unglück aber nicht verhindern. Emilia gibt ihr sterbend noch die rätselhafte Botschaft "Du musst … das Hemd bügeln" mit. Tonia wird danach von heftigen Zweifeln geplagt, ob nicht sie durch ihr Eingreifen eigentlich schuld am Tod der Nichte war. Alle Nachforschungen bleiben ergebnislos, bis auf die rätselhafte Tätowierung auf der Brust des Täters, die eine maßstabsgetreue Miniatur des "Schwarzen Quadrats" von Malewitsch darstellt.

Spätestens an diesem Punkt sind die Weichen also gestellt, in diesem Mordfall nichts mehr dem Zufall, aber umso mehr der Sinnfindung, zu überlassen. Die Suche nach den größeren Zusammenhängen rund um den Tod Emilias wird für Tonia zu einer altmodisch anmutenden, aber gleichzeitig liebenswürdigen, Pilgerreise. Sie findet zunächst eine partielle Erlösung durch den Akt des Büßens, im vorliegenden Fall manifestiert durch das alliterierende Bügeln. Denn: Bügeln ist das neue Büßen. Vielleicht sogar das einzig noch mögliche Büßen in einer säkularisierten Gesellschaft, in der die Kirche, hier im speziellen die katholische Kirche, an ihren eigenen Sünden erstickt. So vermacht Tonia zwei Mal fast ihr gesamtes ererbtes Vermögen an die katholische Kirche, weil sie "das Geld loswerden (wollte), ohne etwas Gutes zu bewirken." (S. 183) Just in dem Moment, wo sie sich wieder einigermaßen im Leben eingerichtet hat, einem Mann, Karl Dyballa, begegnet, der dem von der Mutter so verehrten Malcom Lowry ähnelt, und so etwas wie eine Beziehung beginnt, wird ihr ausgerechnet beim Bügeln wieder eine Spur in die Vergangenheit gelegt. Detektivische Kleinarbeit bestimmt wieder ihr Leben und Lieben. Sie kommt zwar einer Erklärung näher, nicht aber einer Lösung und schon gar nicht einer Erlösung. Zu guter Letzt bietet sich Tonia noch die Möglichkeit, ihre Theorie, dass man mit dem Tod verhandeln kann, in der Praxis umzusetzen. Sie stirbt und die Tochter von Karl Dyballa überlebt einen Schneesturm im Himalaya.

Wie immer bei Steinfest gibt es an der Oberfläche viel Handlung und Spannung, immer knapp am Rand des gerade noch Möglichen, manchmal auch ein bisschen jenseits davon. Vor diesem Hintergrund eignet sich "Die Büglerin" auch als unbedingt empfehlenswerter Einstieg in das Oeuvre von Heinrich Steinfest, man wird nicht gleich mit klandestinen Spatzenarmeen oder Haifischen in innerstädtischen Schwimmbecken konfrontiert. Darüber hinaus gibt es dann auch noch die Geschichte von einer geglückten persönlichen Erlösung von einer Schuld durch das Erbringen eines Opfers. Das klingt nach einer Heiligengeschichte, allerdings mit einem kleinen Unterschied: In säkularisierten Zeiten, wo Gott mehrfach für tot erklärt wurde, wird nicht in Gott vertraut, sondern mit dem Tod verhandelt, und das mit Würde und Anstand.

Das Steinfestsche Universum ist um eine liebenswerte Person reicher geworden. Die bügelnde Büßerin wird sicherlich, nachdem ihre Buße nun die gewünschte Wirkung erzielt hat, als guter Geist in so manchem der kleinen Bücher nachwirken, die da noch aus dem einen großen Buch herauskommen werden.

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