Die Auslöschung der Mary Shelley

von Marc Buhl
Rezension von Stefan Cernohuby | 04. Mai 2015

Die Auslöschung der Mary Shelley

Künstliche Kreaturen wenden sich in der Literatur oftmals gegen ihren Schöpfer. In kaum einem anderen Roman ist dieses Thema stärker präsent, als in Mary Shelleys Klassiker "Frankenstein". Ein Ansatz, der mit künstlichem Leben zu tun hat, in unserer heutigen Zeit jedoch sicherlich eine andere Richtung nehmen würde. Davon handelt der neue Roman von Marc Buhl, der den Namen "Die Auslöschung der Mary Shelley" trägt.

Mary Shelley ist nicht nur Biologin, Informatikerin und Philanthrop. Sie ist zudem auch eine Fanatikerin mit einem geheimen Ziel: Sie möchte der Welt Frieden bringen, ohne Wenn und Aber. Den Ansatz den sie dazu gewählt hat, ist die Erschaffung eines Quantencomputers, der gewissermaßen die Wiege für eine künstliche Intelligenz sein soll. Mit einer Programmierung, gleichend einem Ameisenstaat. Uneigennützig, effizient, unaufhaltsam!
Obwohl ihr Bruder Frank sie immer wieder vor den potenziellen Auswirkungen ihrer Handlungen warnt, führt sie ihr Projekt fort, direkt unter der Nase der NSA, die es selbst gefördert hat. Und wie von ihr geplant, entpuppt sich der Computer nicht als der ultimative Schlüssel zu den Leben aller Menschen, um vollständige Überwachung gewährleisten zu können, sondern zu einer Intelligenz, die damit beginnt, potenzielle Bedrohungen auszulöschen. Als Mary auf einer Dating-Plattform einen geheimnisvollen Mann kennen lernt, stellt sich jener Victor als Derivat heraus. Als physische Präsenz des gleichnamigen Projekts, eines Roboters oder Androiden, der in der Lage ist, mit der Welt der Menschen anders zu interagieren, als es ein reines Computerprogramm könnte. Etwas, das die Bedrohung, die auch dem Präsidenten das Leben kostet, noch vergrößert. Kann Mary Shelly ihre Schöpfung aufhalten?

Marc Buhl kehrt die Geschichte aus "Frankenstein" um. Nicht Victor Frankenstein ist es, der ein Monster schafft, sondern Mary Shelly. Frank, ihr Bruder, und sein Handeln sind nicht selten der Stein des Anstoßes verschiedener Konflikte. Die Handlung des Romans entbehrt nicht einer gewissen Grundlage. Die technische Infrastruktur, weltweit vernetzt und nahezu über jedes Medium zugänglich, würde tatsächlich das Entstehen einer künstlichen Intelligenz begünstigen, die sich das Internet als nahezu unerschöpfliche Informationsquelle zu Eigen machen will. Was die technischen Grundlagen und den Zeitablauf der Handlung selbst angeht, könnte man natürlich nach einigen Schwachpunkten suchen. Das "Logging&Tracing"-Problem des Quantencomputers. Den langen Zeitraum, den selbiger für die Sammlung und Assimilation von Wissen benötigt - von der physischen Präsenz Victors ganz zu schweigen. Doch letztendlich ist "Die Auslöschung der Mary Shelley" trotzdem ein sehr gut gelungener Roman. Nicht nur, weil er auf die vorhandenen Gefahren einer übertechnisierten Welt hinweist, die gerade zu jeder Art von Fernsteuerung und Überwachung einlädt. Nicht nur, weil im Fall eines Durchbruchs im Bereich künstlicher Intelligenz eine selbige tatsächlich einen Nährboden vorfinden würde, um wie Unkraut zu sprießen. Und auch nicht, wegen des Nachworts, das den Leser seinen eigenen Verstand hinterfragen lässt. Nein, es ist wohl alles zusammen.

"Die Auslöschung der Mary Shelley" ist nicht nur der sechste Roman von Marc Buhl, eine Hommage an einen Klassiker der Literaturgeschichte und ein Technik-Thriller in Reinkultur. Er ist mehr als das, nämlich auch ein Ansatzpunkt zum Nachdenken. Über eine technophile Gesellschaft, das freiwillige Aufgeben jeglicher Privatsphäre und die fehlende Vorbereitung auf das, was die Zukunft daraus machen wird. Somit ist das Werk trotz einiger Schönheitsfehler eine absolute Leseempfehlung.

Details

  • Autor/-in:
  • Verlag:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    02/2015
  • Umfang:
    315 Seiten
  • Typ:
    Taschenbuch
  • ASIN:
    3958370047
  • ISBN 13:
    9783958370043
  • Preis:
    14,99 €

Bewertung

  • Gesamt:
  • Spannung:
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  • Humor:
    Keine Bewertung
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  • Erotik: