Wiener Mischung

von Peter Reichert, Linde Prelog
Rezension von Michael Seirer | 07. Oktober 2016

Wiener Mischung

Der Bildband “Wiener Mischung” zeigt Wien aus unüblichen Perspektiven. Es richtet sich nicht an den Wien-Touristen, der sich nochmals die beeindruckendsten Sehenswürdigkeiten ansehen möchte, sondern an Menschen, die in dieser Stadt leben und arbeiten. Fotografiert wurde es von Peter Reichert, einem in Zürich aufgewachsenen Grafiker und Orgelspieler, der seit 2013 als selbstständiger Grafiker und Fotograf in Wien tätig ist. Mit seiner Leica nimmt er die flüchtigen Momente in Schwarzweiß auf.

Die Abfolge der Fotos ist thematisch geordnet. Dabei gibt es für Street Photography übliche Themenfelder wie Parkbänke, Gleise bzw. Straßenmarkierungen oder die allgegenwärtigen Tauben in Wien. Unüblicher und damit auch für uns interessanter sind aber Fotoreihen zu “Liebesg’schichten und Heiratssachen”, Kindheit oder Reisen. Dabei handelt es sich weniger um Street Photography im Sinne von Henri Cartier-Bresson, in dem der “entscheidende Augenblick” eingefangen wird. Die Bilder sind ruhiger, statischer und wirken überlegter. Man kann förmlich spüren, wie Peter Reichert mit seiner Leica auf der Pirsch durch Wien spaziert, Eindrücke aufnimmt und abbildet.
Einige Fotos beschäftigen sich mit Spiegelungen - oft ein lohnendes Thema für Fotografen, aber inzwischen doch schon etwas überstrapaziert.

Die Entwicklung der Fotos ist durchgängig in schwarzweiß, was dem Charme der Stadt Wien sehr entgegenkommt - nur beim Titel wurde ebendieser in knalligem Rot geschrieben. Dies war wohl notwendig, um im Buchhandel entsprechend aufzufallen. Zwischen den Fotografien finden sich nachdenkliche Texte in Form von Dialogen oder Wortspielen, welche die Fotos manchmal auf den Punkt bringen, manchmal vertiefen oder einfach noch weiter übersteigern. Hier war beispielsweise ein Foto berührend, in dem ein Brunnen und dahinter eine alte Frau zu sehen ist, die gebeugt, mit verträumten Blick jenen Brunnen betrachtet. Der Text daneben schwelgt in vergangener Liebe, Zweisamkeit und der Einsamkeit im Alter.

Das 2016 im Anton Pustet Verlag erschienene Buch hat knapp über 150 Seiten und ein Format von 25 cm x 31 cm. So ist es groß genug, damit man die enthaltenen Fotografien gebührend betrachten kann. Die Druckqualität ist gut - es gibt keine auffälligen Ausreißer oder komplett schwarze Bereiche - das liegt zum Teil natürlich auch an der entsprechenden Sorgfalt bei der Aufnahme selbst. Außerdem erlaubt die Bindung ein komplettes Aufklappen, was für das Vertiefen in die Bilder ebenfalls hilfreich ist. Ein gutes Verhältnis von Bild zu Leerfläche macht es angenehm, das Buch zu konsumieren.
Einzig bei Textbeiträgen ist das nachfolgende Bild immer zentriert positioniert, was dazu führt, dass das Bild der darauf folgenden Seite durchscheint.
Als Wiener benötigt man die Legende am Ende des Buches nicht unbedingt - an durchaus bekannten Orten, und in den Fällen, in denen dieser nicht erkennbar ist, ist sie für das Foto auch nicht wesentlich.

"Wiener Mischung" ist eine Hommage an die Metropole. Es gewährt besondere Blicke auf die Menschen, das Alltägliche und Typische der Stadt. Abseits von Sehenswürdigkeiten zeigt der Wahlwiener Peter Reichert Momentaufnahmen und Impressionen Wiens in Schwarzweiß, während Linde Prelog dichterisch für Textbeiträge sorgt. Ein Buch das gefällt und Wien aus einer anderen Perspektive betrachtet.

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