Topographien

von Berenice Abbott (Fotograf/-in)
Rezension von Michael Seirer | 02. Mai 2017

Topographien

Man Ray oder auch Eugène Atget sind bekannte Namen in der Fotografenwelt. Der Name Berenice Abbott, wiewohl sie mit vielen wichtigen Protagonisten im beginnenden 20. Jahrhunderts bekannt oder sogar befreundet war, ist weniger geläufig. Und trotzdem lieferte sie einen wesentlichen Beitrag zur Geschichte der Fotografie. Ihr Spezialgebiet waren Portraits von Persönlichkeiten aus Kunst und Literatur im beginnenden 20. Jahrhundert. Das 2016 im Steidl Verlag erschienene Buch “Topographien” widmet sich ihrem Werk und zeigt die vielfältigen Bereiche ihres Schaffens.

Berenice Abbott wurde 1898 in Springfield, Ohio geboren, besuchte die Universität und kam im Rahmen ihrer Ausbildung zu Auslandsaufenthalten in Paris und Berlin. Ab 1923 war sie Dunkelkammerassistentin von Man Ray in seinem Atelier in Paris. Er erkannte ihr Potential und stellte ihr sein Atelier für eigene Fotos zur Verfügung. Bald sprach sich ihr Können herum und sie bezog ihr eigenes Fotoatelier in genau der Straße, in der sich auch das Studio von Eugène Atget befand. Seine Fotos hatte sie schon bei Man Ray gesehen und war von seinem “dokumentarischen” Stil fasziniert. Sie konnte Atget dazu überreden, von ihm Portraits anzufertigen und kaufte nach seinem Tod Teile seines Nachlasses und veröffentlichte diese. Damit hatte sie maßgeblichen Anteil am Bekanntheitsgrad von Atget, sowohl in Europa als auch in Amerika. Dort hatten die Veröffentlichungen großen Einfluss auf Edward Weston, Walker Evans und Ansel Adams.

Zu Beginn des Buches “Topographien” wird das Leben von Abbott beschrieben und die vielen Bekanntschaften mit wichtigen Persönlichkeiten aus der Künstlerszene und Intellektuellenkreisen in New York und in Paris werden erwähnt. Edward Hopper, James Joyce oder auch Jean Cocteau wurden von ihr portraitiert und diese Aufnahmen finden sich im Kapitel “Portraits”. Von 1929 bis circa 1938 ist Berenice Abbott in New York. Die atemberaubende architektonische Metamorphose der Stadt mit ihren immer stärker nach oben strebenden Gebäuden faszinierte sie. Dabei wählte sie Perspektiven vom Boden, aber auch aus schwindelnden Höhen. Sie setzte bewusst auf eine starke Kompositionen und vermied erzählerische Aspekte in ihren Fotos völlig. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum man auf diesen, teilweise mit der Großformatkamera aufgenommenen Fotos, so gut wie keine Menschen sieht.
Der “US Route 1” ist einer der ältesten Highways in Amerika und führt von Norden nach Süden parallel zur Ostküste. Abbott bereiste mit zwei Assistenten im Sommer 1954 diese Strecke und fotografierte Land und Leute, ebenfalls im dokumentarischen Stil. Die entstandenen Fotos zeigen die seltenen Ablenkungen vom kargen Leben in den spärlich besiedelten Gebieten: Hot-Dog Stände am Strand oder ein Riesenrad. Leider haben es nur sieben Fotos in dieses Kapitel des Buches geschafft. Ein eher ungewöhnlicher Teil von Abbotts Oeuvres sind Fotos im Dienste der Wissenschaft. Durch sie sollten naturwissenschaftliche Erkenntnisse veranschaulicht und überhaupt erst sichtbar gemacht werden. Ihre Arbeiten in diesem Bereich wurden für Schulbücher zum besseren Verständnis der Physik eingesetzt. Es entstanden graphisch ansprechende Fotos von Pendelbewegungen Prismen, welche das Licht aufsplitten.

Am Ende des Buches finden sich noch der Aufsatz “The subject matter has no limitation” von Jule Reuter, ein Brief von Berenice Abbott an John Storrs und die Höhepunkte ihres Lebens mit Jahreszahlen aufgelistet. Die Abbildungen werden von Bildunterschriften mit Titel, Ort und Zeit der Aufnahme beschriftet. Alle Bilder sind Silbergelatineabzüge.

Das Coffee table book ist qualitativ gut gedruckt und zeichnet sich durch ein zurückhaltendes und einfaches Layout aus, das Fotos möglichst großformatig darstellt und diesen trotzdem genügend “Luft” zum Atmen lässt. Das Buch fühlt sich angenehm weich an und man nimmt es gerne zur Hand. Für den Buchumfang ist das Verhältnis von Hintergrundinformation zu ganzseitigen Fotos gelungen. Die Kapitel sind gut voneinander abgegrenzt und zeigen das breite Spektrum ihres Schaffens. Besonders spannend sind die grafisch anmutenden Fotos aus dem Kapitel “Wissenschaft”. Für Abbott war die Fotografie das Medium, mit welchem die schnellen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts am besten dokumentiert werden konnten. Eines der Fotos sticht dabei besonders heraus: es ist ein Parabolspiegel, zusammengesetzt aus vielen kleinen Spiegeln, in denen Augen zu sehen sind. Dieses skurrile Foto hätte so auch von Man Ray sein können.

Wer sich für die Geschichte der Fotografie interessiert, sollte Berenice Abbott nicht übersehen. Ihre sorgfältig komponierten Architekturfotos dokumentieren das New York der 1940er Jahre. Das im Steidl Verlag erschienene Buch “Topographien” liefert einen guten Überblick über ihr Leben und ihr Werk. Durch den angenehm niedrigen Preis empfiehlt es sich für jede fotografische Büchersammlung.

Details

  • Autor/-in:
  • Verlag:
  • Genre:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    07/2016
  • Umfang:
    104 Seiten
  • Typ:
    Hardcover
  • ISBN 13:
    9783958292451
  • Preis:
    15,00 €

Bewertung

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