The Rest is Noise


Das 20. Jahrhundert hören
von Alex Ross
Rezension von Stefan Cernohuby | 14. April 2013

The Rest is Noise

Es gibt unterschiedliche Methoden, eine vergangene Zeitperiode Revue passieren zu lassen. In realistischen Dokumentationen, fiktiven Verfilmungen oder nüchternen Statistiken. Musikkritiker Alex Ross hat in seinem Buch "The Rest is Noise" allerdings einen völlig anderen Ansatz gewählt. Denn der Musikwissenschaftler bietet dem Leser eine Chronik des zwanzigsten Jahrhundert, allerdings aus Sicht der Komponisten und im Kontext der entstandenen Werke. Man darf gespannt sein, wie sich dieses Werk präsentiert.

Das Buch beginnt mit Wien um die Jahrhundertwende. Im Fahrwasser einstiger Größe sind es besonders die beiden kontroversen Künstler Richard Strauss und Gustav Mahler, die für Aufsehen sorgen. Die beiden werden nicht nur von Kollegen interessiert verfolgt, auch Größen aus Gesellschaft und Politik sind an ihnen sehr interessiert. Mahler stirbt relativ früh, aber Strauss hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck bei einem ehrgeizigen jungen Österreicher, der später halb Europa in Brand setzen soll.
Doch in gewisser Hinsicht waren die beiden "Wiener" trotz ihrer Kontroversen noch sehr konservativ, denn mit Schoenberg begann sich die Musik immer mehr zu wandeln. Zwölftonmusik und Atonalität verbreiteten sich wie ein Lauffeuer.
Gleichzeitig stellt die Musik und ihre Entwicklung in allen Teilen der Welt einen Spiegel der Gesellschaft und der sich entwickelnden politischen Landschaft dar. Dennoch ist der Beginn des 20. Jahrhunderts davon geprägt, dass unterschiedliche Künstler ihre Linie und vor allem etwas Neues suchen. Das kann man sowohl an den "unsichtbaren" weil unbekannten amerikanischen Komponisten zu diesem Zeitpunkt, wie auch in Frankreich erkennen - obwohl die Zwölftonmusik bereits ihren Siegeszug antritt. Im Umbruch allerdings, in den Dreißigern und im Zweiten Weltkrieg, ändern sich sowohl Musik als auch der Umgang mit selbiger. Als Stalin die Macht in der Sowjetunion übernimmt, instrumentalisiert und reglementiert er die Musik. Komponisten und Musik müssen im Dienst des Staats stehen. Komponisten wie Schostakowitsch und Prokofjew leiden sehr darunter. Im Gegenzug dazu bleibt im Nazi-Deutschland Musik so wie sie ist, wird allerdings auf ein Podest gehoben, besonders Richard Wagner. In Amerika dagegen versucht man noch einen Schritt weiter zu gehen als Schoenberg und sich gänzlich vom "veralteten" Prinzip der Tonalität verabschieden. Einer der hervorstechendsten Vertreter zu dieser Zeit ist Copland.
Nicht nur die Musik ändert sich, sondern auch Komponisten. Gerade in der Nachkriegszeit gibt es viele bekannte Namen, die sich weiterentwickeln, beziehungsweise neue Wege einschlagen. Während ein Strawinsky sich plötzlich der Zwölftonmusik widmet, Boulez alles angreift und als minderwertig erachtet, was Harmonien aufzeigt und einstige Helden als Showstars enden, wird Musik immer mehr zu einem Gut, das nicht nur von wenigen bearbeitet werden kann. Und auch wenn sich die übrigen Kapitel um Benjamin Britten, Filmmusik, elektronischer Musik oder György Ligeti drehen, so wird auch beschrieben, wie die unterschiedlichen Einflüsse und Ideen der Komponisten auch im Bereich der Unterhaltungsmusik Wurzeln schlagen. Ob Bebop, Jazz oder Rock´nRoll, gewisse Bestandteile sind immer wieder zu erkennen.

Man muss Alex Ross zuallererst eines zugutehalten. Er hat sich eingehend mit allen Zeitperioden des zwanzigsten Jahrhunderts, dessen Musik und deren Protagonisten beschäftigt. Es ist schwierig die Richtige Balance zwischen den Inhalten und dem Aufbau der Musik, den Lebensumständen der Komponisten und den äußeren Einflüssen, denen sie ausgesetzt sind, zu finden. Aus diesem Grund meint man an manchen Stellen Anekdoten über Komponisten und ihre Streitigkeiten inklusive Klatsch und Tratsch zu lesen, während man sich an anderer Stelle an ein Lexikon oder einen zeitgeschichtlichen Atlas erinnert fühlt. Zwar hat man das Gefühl, dass manche Kapitel ein wenig lang geraten sind oder sich vermeintlich nicht ganz so wichtigen Personen widmen, doch insgesamt ist die Mischung gelungen. Was leider nicht als ganz so geglückt bezeichnet werden kann, ist die allgemeine Veränderung der Musik in gesellschaftlicher Hinsicht. Hat sich Musik noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts komplett an Einzelpersonen orientiert, so gibt es Ende des Jahrhunderts nicht nur unzählige Komponisten, auch die unterschiedlichen Musikarten haben sich soweit aufgefächert, dass man keine klare Linie mehr erkennen kann und Komponisten wie noch ein halbes Jahrhundert zuvor kaum mehr Bedeutung zugemessen wird.
Auch die Tatsache, dass sich der Autor den Ausflügen von Komponisten in die Filmmusik Mitte des 20. Jahrhunderts widmet, aber dann bekannte Komponisten wie Morricone, welche genau diese Filmmusik über 50 Jahre lang maßgeblich beeinflusst haben, keines Wortes widmet, könnte einigen Lesern missfallen.
Denn das Buch wechselt sehr oft den Fokus, besonders wenn es um unterschiedliche Dekaden geht. So ist es zwar vielseitig, lässt aber viel unter den Tisch fallen. Trotzdem ist "The Rest is Noise - Das 20. Jahrhundert hören" ein Werk, bei dem man als Musikinteressierter und selbst als Experte noch eine ganze Menge lernen kann. Stellenweise stößt man sogar auf Seiten, die schlicht und einfach durch Unterhaltung und Spannung zu überzeugen wissen. Eine Seltenheit für ein Sachbuch. Dementsprechend kann man das Werk zwei großen Gruppen empfehlen. Derjenigen, die glaubt über die Musik im 20. Jahrhundert Bescheid zu wissen und jener, die sich noch nie mit dem Thema beschäftigt hat. Beide werden überrascht sein.

"The Rest is Noise - Das 20. Jahrhundert hören" von Alex Ross ist keine leichte Literatur. Ein ganzes Jahrhundert, seine Entwicklungen und Veränderungen - spiegeln sich in der Musik wieder, die zu gleicher Zeit geschrieben wurde. Ein breites Spektrum und ein langer Zeitraum, den Ross versucht hat, auf eine Leinwand zu bannen - oder besser gesagt, innerhalb eines Buchs abzuhandeln. Dass dieses nicht vollständig sein kann und die Vorgehensweise des Autors nicht an jeder Stelle nachvollziehbar, versteht sich von selbst. Aber dennoch kann man das Werk beinahe uneingeschränkt empfehlen. Denn jeder der es liest, wird so viel Neues über Musik und ihre Entwicklung erfahren, dass es sich letztlich lohnt.

Details

  • Autor/-in:
  • Originaltitel:
    The Rest Is Noise: Listening to the Twentieth Century
  • Verlag:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    02/2013
  • Umfang:
    704 Seiten
  • Typ:
    Taschenbuch
  • ASIN:
    3492301894
  • ISBN 13:
    9783492301893
  • Preis:
    14,99 €

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