Selbständigkeit als Fotograf(in)


Ein Ratgeber für den Einstieg in Teil- und Vollzeit
von Ralf Obermann, Nicole Obermann
Rezension von Michael Seirer | 27. Juli 2017

Selbständigkeit als Fotograf(in)

Es ist auch wirklich verlockend: Mit nicht allzu großen Investitionen kann man an Wochenenden seinem Hobby, dem Fotografieren, nachgehen und dabei sogar noch etwas Geld verdienen. Da die Verwandten und Freunde auch bestätigen, wie gut die letzten Urlaubsbilder geworden sind, stellt man sich bei der nächsten Party auch gleich als “Fotograf” vor. Und schließlich ist der Berufsfotograf auch seit einigen Jahren ein freies Gewerbe. Was ist nun - neben ein paar tausend Euro für Ausrüstung - noch notwendig, um ein erfolgreiches Einzelunternehmen zu starten? Welche Fähigkeiten sind erforderlich und worüber sollte man sich Gedanken machen? Das Buch von Ralf und Nicole Obermann widmet sich diesen Fragen.

Das Buch beginnt mit dem Satz “Heutzutage ist ‘jeder’ ein Fotograf … “. Ein gelungener Start, der auf mehreren Ebenen gültig ist: Gutes Equipment ist nicht mehr teuer ,und damit nur Profis vorbehalten, Trainings gibt es gratis auf Youtube und laufenden Kosten (wie früher in der analogen Zeit durch Filme, Dunkelkammer und Abzüge entstanden sind) tendieren zu null. Immerhin ist die Anzahl der Fotografen in Wien (gemeint sind jene, die das Fotografengewerbe angemeldet haben) von 700 vor der Gewerbeöffnung Anfang 2014 auf über 2.200 zu Beginn 2017 gestiegen. Wie kann man sich nun von der Konkurrenz abheben?

Noch lange bevor man über Ausrüstung, Marketing oder steuerliche Aspekte nachdenken sollte, ist es notwendig, sich über seine eigenen Fähigkeiten und Wünsche klar zu werden. Was möchte man erreichen? Was möchte man fotografieren? Und vielleicht eine der wichtigsten Fragen: Ist man ein Unternehmertyp? Nicht jeder kann mit der Unsicherheit leben, dass man (speziell am Beginn!) einen unsicheren und unregelmäßigen Cashflow hat und vielleicht die Miete in zwei Monaten nicht mehr zahlen kann. Ist man in der Lage, sich selbst ausreichend zu motivieren, wenn man alleine im Büro sitzt und wartet, dass potentielle Kunden anrufen. Besitzt man genügend Selbstdisziplin, um nervige, aber notwendige Arbeiten wie Buchhaltung zu erledigen? 

Nach Kapiteln zur eigenen Positionierung und dem Definieren seiner Kunden beziehungsweise seiner Zielgruppen, finden sich praktische Tipps zur besseren Kommunikation mit Kunden. 
Das Buch widmet sich auch einigen organisatorischen Themen, wie der Wahl der passenden Rechtsform, Gründungszuschüssen und der verschiedenen Versicherungen. 
Besonders beim Start in die Selbständigkeit ist ein Businessplan empfehlenswert. Die Autoren präsentieren dafür eine detaillierte Gliederung mit vielen offenen Fragen zu den einzelnen Blöcken und geben auch gleich ein ausführliches Beispiel, wie so ein Businessplan aussehen kann. Er hilft nicht nur bei der Beantragung von Förderungen oder Krediten, sondern präzisiert die eigenen Gedanken. 
Es folgen Themen wie der Aufbau einer Marke, dem Corporate Design, der Preisgestaltung, einem bewährten Büro-Workflow und spezifische Empfehlungen für einzelne Bereiche, wie zum Beispiel Tools für die Buchhaltung, Moodboards oder Zeiterfassungstools. 

Eine Reihe von Fotografen werden am Ende des Buches noch interviewt. Sie stellten auch die eingestreuten Fotos zur Verfügung, die das Buch ein wenig auflockern. Ein Beispielkapitel kann man sich übrigens beim dpunkt.verlag direkt herunterladen

Der Ratgeber ist mit 200 Seiten nicht sonderlich umfangreich, schneidet dafür aber viele relevante Themen an. Klarerweise kann dabei jeweils nur ein Einstieg in die sehr unterschiedlichen Wissensgebiete gegeben werden. Das Buch schafft es aber, einen guten Überblick zu geben und zeigt, dass ein selbständiger Fotograf jede Menge Aufgaben hat, die sehr wenig mit Fotografie zu tun haben. Wer sich nicht mit Kundenakquise, dem (Informations-)Design seiner Webseite oder steuerlichen Aspekten beschäftigen will, sollte den Weg in die Selbständigkeit vielleicht nochmals überdenken.


Ein oft übersehenes Thema ist auch die bewusste Entscheidung, ob man sich an Firmen oder Endkunden mit seinem fotografischen Angebot wendet. Beide Varianten unterscheiden sich steuerlich und auch marketingtechnisch deutlich und so widmen die Autoren dieser Frage auch ein Kapitel.

Die Informationen zum Thema Rechtsform, Gründungszuschüss & Co, notwendige Versicherungen und die Teilzeitselbständigkeit werden leider nur aus Sicht eines Fotografen in Deutschland behandelt. Dabei wäre es beispielsweise gut zu wissen, dass die Wirtschaftskammer in Österreich ein Jungunternehmer-Coaching anbietet.
Als Hochzeitsfotograf hat man von Mai bis Ende September Saison. Wie schafft man es nun ganzjährig zu einem gleichmäßigen Einkommen als Fotograf zu kommen? Das Buch gibt hier viele, sehr konkrete Anregungen und zeigt, wie man Aktionen sinnvoll plant und seine Preis so kalkuliert, dass man auch davon leben kann.

Auch wenn in einem Buch mit 200 Seiten vieles nur angerissen werden kann: Wichtige Themen wie Marketing, die Preisgestaltung und die Jahresplanung werden erläutert und mit vielen Beispielen illustriert. Jede Menge offener Fragen regen dazu an, sein eigenes Business besser zu verstehen und damit zu formen. Insbesondere das Tool des Businessplans wird dazu im Detail vorgestellt. Rechtliche und steuerliche Aspekte sind dabei leider nur für Leser aus Deutschland relevant.

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