Portraits 2005-2016

von Annie Leibovitz (Fotograf/-in)
Rezension von Michael Seirer | 20. Februar 2018

Portraits 2005-2016

Annie Leibovitz ist wohl jedem Fotografen ein Begriff. John Lennon eng umschlungen mit seiner Frau Yoko oder Whoopi Goldberg im Milchbad kommen einen in den Sinn. Neben ihrer langjährigen Arbeit für das Rolling Stone Magazin realisierte sie auch viele persönliche Projekte. Der großformatige und gewichtige Band “Portraits” zeigt nun ihr Schaffen in den Jahren 2006 bis 2016, einer Zeit nach dem Tod ihrer langjährigen engen Freundin Susan Sontag.

Die deutsche Ausgabe des Buches zeigt rund 150 großformatige Farb- und Schwarzweißaufnahmen. Abgebildet finden sich Stars aus Kunst, Kultur, Sport, Wissenschaft und dem Showbusiness: Leonard Cohen, Scarlett Johansson, Clint Eastwood, Stephen Hawking, David Hockney, Jeff Koons, Barack and Michele Obama, Queen Elizabeth II, Bruce Springsteen, Serena und Venus Williams, David Beckham und viele weitere. Das Buch beinhaltet mehrere Textbeiträge. Gegen Ende findet man einen autobiographischen Abschnit über Annie Leibovitz und in der Mitte einen Beitrag der amerikanischen Schriftstellerin Alexandra Fuller.
Die meisten der Fotos zeigen Persönlichkeiten im Kontext ihrer Arbeit. Dies ist auch bewusst von Annie Leibovitz gewollt, da dieser Bezugsrahmen dem Foto eine viel tiefere Bedeutung verleiht, als vor neutralgrauem Hintergrund im Fotostudio. Es hilft, den Charakter besser zu verstehen. Dicke, wertig wirkende Seiten zeugen von einer großen Grammatur - das Ergebnis ist 3,15 Kilogramm Gewicht. Am Ende des Buches, eigentlich leicht zu übersehen, finden sich Kurzportraits der abgelichteten Personen und eine hilfreiche Beschreibung der Entstehungsgeschichte des Fotos. In einem eigenen Text, ebenfalls am Ende des Buches, beschreibt Annie, dass als Abschluss des Buches eigentlich ein Portrait von Hillary Clinton geplant war. Sogar der Shootingtermin im Weißen Haus war schon ausgemacht. Und dann verlor sie die Wahl. Insofern ist das Buch ein unvollständiges - aus der Sicht der Fotografin.

Das gewählte Layout platziert die Fotos entweder abfallend oder großformatig mit schmalem Rand. Leider sind die doppelseitigen Fotos nicht optimal zu betrachten, da sich der Buchfalz nicht weit genug öffnen lässt. Mittels Kraftanwendung lässt er sich wohl glatter drücken, aber das fühlt sich nach roher Gewalt am Buch an und führt auch zu unschönen Abdrücken der Finger auf den Seiten.

Die Fotos selbst sind außergewöhnlich und viele wirken wie ein Kunstwerk, ein Gemälde. Die meisten sind mit einer Digitalkamera entstanden. Vor allem die Gruppenfotos wirken durch ihre spezielle Beleuchtungstechnik (bei der jede Person einzeln beleuchtet wird und das Gesamtergebnis erst in der Postproduktion entsteht) faszinierend. Generell sind die Fotos ein bis zwei Belichtungsstufen unterbelichtet, was zusammen mit den gewählten Umgebungen sehr düster, gespenstig und dunkelfarbig wirkt. Ein Look, der Annie Leibovitz inzwischen charakterisiert und den man mag oder eben nicht. Zusätzlich ist bei vielen Farbfotos ein starker erdig/gelblicher oder grün/bläulicher Grundton zu finden. Der Stil findet sich auch in ihrem Buch Pilgrimage, das jedoch keine Portraits sondern Orte und Objekte zeigt, aus denen Annie Leibovitz Inspiration bezieht.

Traurig, sehnsüchtig bis hin zu emotionslos - so könnte man die Portraits beschreiben. Insbesondere das unglaublich stark wirkende Bildnis von Jimmy Fallon. Annie Leibovitz sagt dabei über sich selbst: “Ich bin keine gute Regisseurin. Ich verlasse mich darauf, dass meine Modelle etwas projizieren, etwas zu dem Bild beitragen, und was ihnen durch den Kopf geht, schlägt sich im Ergebnis nieder.” Wieviel Fotografin und portraitierte Person nun zum Endergebnis beitragen, wird sich nie wirklich festmachen lassen - interessant ist es trotzdem, wie konsistent ihr Werk über einen derart langen Zeitraum mehrheitlich zu bedrückten und freudlosen Gesichtern tendiert. In Zeiten von always-happy-Selfie Posts auf diversen sozialen Kanälen ist es erfrischend, aufwändig erarbeitete und tiefgründige Bildnisse von mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten zu betrachten.

Als kleine Zugabe beinhaltet das Buch auch einige Abbildungen ohne Personen. Sie wurden wohl mit in das Buch aufgenommen, weil sie trotzdem Portraitcharakter haben - man betrachte zum Beispiel das Taubenskelett aus der Sammlung von Charles Darwin - großartig!

Annie Leibovitz will Portraits erschaffen, die die Zeiten überdauern, egal wie modern die Ausrüstung ist. Das ist ihr mit dem Buch “Portraits” jedenfalls gelungen. Immer im beruflichen oder privaten Kontext des Protagonisten aufgenommen, schafft sie damit einen erklärenden und vertiefenden Kontext zum eigentlichen Portrait. Ihre eigenen Beleuchtungstechniken und der dunkle und bedrückende Farblook tun ihr Übriges, um außergewöhnliche und fesselnde Portraits zu schaffen. Eine klare Empfehlung!

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