Der Mensch und das Meer

von Callum Roberts
Rezension von Stefan Cernohuby | 24. Oktober 2013

Der Mensch und das Meer

Der Mensch tendiert zum Versuch, alles was er findet unter seine Kontrolle zu bringen. Tiere werden domestiziert, natürliche Flussläufe reguliert und Ressourcen ausgebeutet. Dass dies nur bedingt erfolgreich funktioniert, wenn man beim Abbau jener Rohstoffe nicht haushält, ist uns in den meisten Fällen bewusst. Doch es gibt eine Nahrungs- und Rohstoffquelle, bei der sich bis heute eigentlich die wenigsten Leute Gedanken darüber machen, wie sie funktioniert: das Meer. Meeresbiologe Callum Roberts zeigt mit seinem Buch "Der Mensch und das Meer" einige Aspekte auf, die nicht allseits bekannt sind.

Das angesprochene Buch, im englischen "Original Ocean of life, How our Seas are Changing", beginnt nach einer traurigen aber nicht völlig resignierenden Einleitung wirklich ganz am Anfang. Die Entstehung der Meere liegt nicht Jahrtausende zurück sondern hat bereits mit der Entstehung unseres Planeten begonnen. Und dem Meer ist es schließlich auch zu verdanken, dass das Leben - so wie es sich heute entwickelt hat - seinen Anfang genommen hat. Auch die Tatsache, dass in Urzeiten sicherlich mehr Nahrung aus dem Meer gewonnen wurde als im Normalfall in der Schule beigebracht wird, ist ein Thema. Diesbezüglich kritisiert der Autor das gängige Bild des Savannenjägers, haben sich seiner Meinung nach viel mehr frühe Vertreter der menschlichen Spezies von Fischen ernährt. Dann geht er mehr zu aktuelleren Entwicklungen über. Er beginnt mit den Fangmengen an Fischen in den letzten 120 Jahren, im Vergleich zum dazu betriebenen Aufwand. Und es wird klar, obwohl die Technik immer ausgefeiltere Möglichkeiten bietet, ist der Fischfang stark im Zurückgehen. Insbesondere wenn man berücksichtigt, dass der Aufwand, der in die Fischerei gesteckt wird, um bis zu einem 17fachen gestiegen ist.
Es gibt ein wenig Nachhilfe dazu, wie unsere Meere funktionieren, von Strömungen über Wasserdichte, Salzgehalt und die Lebensweise von verschiedenen Meeresbewohnern, die sich Zeit ihres Lebens über große Strecken bewegen. Danach geht der Autor konkret auf unterschiedliche Veränderungen ein, die sich auf der ganzen Welt auswirken und selbstverständlich auch das Meer nicht unberücksichtigt lassen. Sowohl das globale Erwärmung selbst, als auch das damit verbundene Abschmelzen der Polkappen und das Ansteigen des Meeresspiegels sind eigene große Themen. Aber auch auf die direkte Veränderung des Lebensraums durch Aktionen des Menschen wird eingegangen. Flussbauliche Maßnahmen, Verschmutzungen in jedem Delta, Ölkatastrophen, die Verschmutzung durch Plastik. All das hat schwerwiegende Folgen. Diese werden allerdings überschattet durch die Vorgehensweise des Menschen in Bezug auf die Fischerei und schwerwiegende Ausbeutung riesiger Areale. Dass sich dadurch auch der Lebenszyklus der überlebenden Tiere zwangsweise verändert, unabhängig ob es Fische, Wale, Schildkröten oder Muscheln sind, wird dabei in den meisten Fällen nicht bedacht.
Mit einigen Ideen, Ansätzen, Apellen und bereits gelebten Beispielen, wie man unsere Meere in ihrer Vielfalt doch noch retten könnte, obwohl gerade nach allen Kräften das Gegenteil angestrebt wird, beschließt Callum Roberts den Band - nicht völlig ohne Hoffnung, aber doch deutlich desillusioniert.

Selbst wenn man sich für ein leidlich gebildetes Individuum hält, gibt es immer noch eine Menge "blinder Flecken", welche weder Schul- oder Allgemeinbildung noch verschiedene Naturdokumentationen oder Fachlektüren schließen konnten. Das war in diesem Fall auch der Grund warum sich der Verfasser dieser Kritik ursprünglich für das Werk interessierte. Und Fakt ist, "Der Mensch und das Meer" ist tatsächlich in der Lage eine Menge Wissen zu vermitteln. Sowohl über die Entstehungsgeschichte, den Wandel des Ökosystems Meer mitsamt seinen Schnittstellen und vor allem über die Einflüsse, die erst seit relativ kurzer Zeit alles verändern. Darunter auch die nachhaltigste Störfaktor: der Mensch.
Callum Roberts gelingt es darüber hinaus auch noch, im Normalfall langweilige theoretische Passagen so zu gestalten, dass sie trotzdem interessant bleiben. Mit überraschenden Vergleichen, dem Einstreuen persönlicher Erfahrungen als Meeresbiologe und die Gegenüberstellung historischer Aufzeichnungen gegenüber aktuellen Messergebnissen bleibt das Werk bis zum Schluss abwechslungsreich. Auch der Blickwinkel, der sich durch die Kapitel immer wieder ändert, betrachtet und beleuchtet das Thema Meer unter völlig unterschiedlichen Gesichtspunkten, was ebenfalls zur Steigerung des Interesses und zur besseren Vermittlung der enthaltenen Information führt. Kurz gesagt, "Der Mensch und das Meer" ist trotz der komplett irreführenden Übersetzung des Titels mehr als nur gelungen. Jeder, der schon immer mehr über das Meer, seine Entwicklung und seinen aktuellen Zustand im Kontext von Klimawandel und Umweltverschmutzung wissen wollte, sollte hier unbedingt zugreifen.

"Der Mensch und das Meer" ist die deutsche Übersetzung des neuesten Werks von Callum Roberts, der eine ehrgeizige Aufgabe in Angriff genommen hat. Denn das Buch soll nicht nur die Geschichte der Meere enthalten, sondern auch aktuelle Entwicklungen so darstellen, dass es auch Nichtexperten verstehen. Dies ist ihm mehr als nur eindrucksvoll gelungen. Eindringlich, desillusioniert und doch hoffnungsvoll gibt der Autor auch einen Ausblick auf die Zukunft. Insgesamt handelt es sich um Fachliteratur, die man eigentlich nur jedem ans Herz legen kann, selbst wenn sich derjenige in einem Binnenland befindet.

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