Nick Cave - Mercy On Me

von Reinhard Kleist
Rezension von Stefan Cernohuby | 15. Dezember 2017

Nick Cave - Mercy On Me

Das Leben eines Musikers ist voller Exzesse, wilder Partys und durchsetzt mit einigen, wenigen Selbstfindungsphasen. So könnte man als Außenstehender die Karrieren von Stars aus dem Musikbusiness betrachten – oder das alles als Klischee abtun. Comiczeichner Reinhad Kleist ermöglicht mit „Nick Cave – Mercy on me“ einen ganz anderen Blick auf das Leben des australischen Musikers, der im Laufe seiner Karriere viele Höhen und Tiefen durchgemacht hat.

Es könnte der australische Outback sein. Oder eine kleine Stadt im Wilden Westen, aus der sich ein kleiner Junge davonschleichen will. Doch schon in der Nachbarstadt verpasst ihm ein Mann mit von Schatten verdeckten Zügen und dunklem Haaren einen Bauchschuss – und lässt ihn zum Sterben zurück. Das ist der Auftakt zu einer Geschichte in fünf Abschnitten, in der das Leben von Nick Cave dargestellt wird, ohne dass ihm jemals ein echtes Lächeln entgleitet. Leben ist auch fast übertrieben, hauptsächlich geht es um seine Auseinandersetzung und seine Hassliebe zur Kunst. Das trifft auch die verschiedenen Charaktere, die neben realen Menschen in diesem Werk vorkommen – denn diese stammen aus dem Mikrokosmus von Nick Caves eigenem Kopf. Der sterbende Junge, Eliza Day – die man auch aus dem Video von „Where the Wild Roses Grow“ kennt – und Romancharaktere treten auf. Sie sind alle dem Tode geweiht, denn Nick Cave hat sie erschaffen. Und er will anders als die anderen sein. Ein Punk, aber doch kein gewöhnlicher. Ein Sänger mit düsterer Stimme und ein Poet mit mörderischen Gedanken. Doch es gibt einen Anker, auf den er sich trotz inmitten dunkler Stimmungen immer wieder verlassen kann...

Die Beziehung zu australischen Sängerin und Songwriterin Anita Lane ist in Wahrheit der einzige Aspekt aus dem Privatleben von Nick Cave, der es mehr oder weniger realistisch in das Buch geschafft hat. Denn andere einschneidende Erlebnisse wie der Tod seines Vaters oder seines Sohns werden komplett beiseitegelassen. Man kann nur mutmaßen, dass diese Bindung, die über Jahre existiert hat, in der Geschichte nur deshalb erhalten geblieben ist, weil sie auch maßgeblichen Einfluss auf den künstlerischen Werdegang von Nick Cave hatte. Die Abschnitte werden mitunter aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt. Das, was von außen sichtbar ist und das, was dahintersteckt. Das bedeutet, man sieht Exzesse und Umbrüche und erfährt nachher erst, was zu diesen geführt hat. Text und Bild ergeben eine eindrucksvolle Kulisse, die Nick Cave jedoch immer als dunkel darstellt – als Reflexion düsterer Gedanken. Lichte Momente, wie beispielweise in mehreren Songs des Doppelalbums „Abattoir Blues / The Lyre of Orpheus“ durchschimmern, gibt es hier in dieser Graphic Novel-Biografie nicht. Das schmälert den beeindruckenden Charakter des Werks allerdings nur wenig. Fans und Musikliebhaber die möglicherweise noch Fans werden könnten, sollten an diesem Werk nicht vorbeigehen.

„Nick Cave – Mercy on me“ ist wie die meisten Werke von Reinhard Kleist eine Art Hybrid. Eine Biografie und Graphic Novel zur gleichen Zeit. Surrealistische und immer düstere Inhalte erzählen einerseits vom Entstehen des Musikers und Künstlers Nick Cave und konfrontiert diesen gleichzeitig mit den Überbleibseln seiner eigenen Schöpfungen. Bildgewaltig und ohne Lächeln kann man dem Australier hier begegnen. Für Kenner ist das Werk definitiv ein Pflichtkauf.

Details

  • Verlag:
  • Sprache:
    Deutsch, Englisch
  • Erschienen:
    08/2017
  • Umfang:
    328 Seiten
  • Typ:
    Hardcover
  • ISBN 13:
    9783551764669
  • Preis:
    24,99 €

Bewertung

  • Gesamt:
  • Anspruch:
  • Gewalt:
  • Gefühl:
  • Illustration: