Schönbrunner Finale


Ein Roman aus Wien im Jahr 1918
von Gerhard Loibelsberger
Rezension von Janett Cernohuby | 11. Juni 2018

Schönbrunner Finale

Der Krieg hat die Welt und vor allem Europa im Jahr 1918 fest im Griff. Bis es zu seinem Ende im November kommt, vergeht noch eine Weile, in der auf den Oberinspector Nechyba noch so mancher Mord wartet. Der Schwarzmarkt blüht und wer das nötige Kleingeld besitzt, dem fehlt es selbst in diesen schweren Zeiten an fast nichts. Gerhard Loibelsberger nimmt seine Leser erneut mit in die Amtsstube des grantigen, schnauzbärtigen, aber nicht mehr ganz so beleibten Oberinspectors.

Ein Mord auf dem Naschmarkt

Der Krieg verlangt seine Opfer und auch bei Nechyba macht sich das bemerkbar. Die Lebensmittel werden rar und ohne Verbindungen zum Schwarzmarkt und dem nötigen Kleingeld sind Blunzen, Schweinsbraten, oder Stelze nur Erinnerungen aus einer längst vergessenen Zeit. Auch Nechyba muss den Gürtel etwas enger schnallen, wenngleich er das Glück genießt, die richtigen Leute zu kennen und so doch immer wieder an den einen oder anderen Braten zu gelangen. Der Krieg neigt sich dem Ende zu und auch wenn die Kriegspropaganda anders klingt, sehnt die Bevölkerung nichts mehr herbei. Genau jetzt passiert ein Mord in der Nähe des Naschmarkts und da Nechyba das Opfer kannte, übernimmt er die Ermittlungen.

Kriminelle Gesellschaftsstudie vor historischem Hintergrund

Es sind die letzten Monate der Monarchie in Österreich, die letzten Monate des ersten Weltkriegs, in denen Loibelsberger seinen sechsten Krimi um den schnauzbärtigen, grantelnden Oberberinsector Nechyba ansetzt. Einmal mehr versteht es der Autor, seine Figuren perfekt in Szene zu setzen und dem Leser ein historisches Wien zu zeigen, das man so sonst nicht zu sehen bekommt. Der Kriminalfall um die Ermordung des Händler Gotthelf ist fast schon nebensächlich, eher schmückend Beiwerk, an dem sich dieser historische Roman aufhängt. In den Vordergrund rückt Loibelsberger dagegen eine Momentaufnahme des Lebens in Wien im Jahr 1918. Der Menschen jener Zeit, die zwischen Lebensmittelmarken, Hunger, Entbehrungen und einem Krieg, der schon viel zu lange dauert und viel zu viele Opfer forderte, hin und her wandeln. Frauen, die es leid sind, ihre Männer an der Front zu verlieren. Menschen, die der Kriegspropaganda jener Zeit, die Fotos von gut gekleideten, wohlgenährten Soldaten zeigt, schon lange nicht mehr glauben. Dieser Armut steht aber auch eine andere Seite gegenüber. Jene der gut betuchten Bürger, die hohe Ämter bekleiden, über die richtigen Beziehungen verfügen oder selbst Teil des Schwarzmarktes sind. Sie kommen an (fast) alles heran. In ihren Speisekammern findet sich noch immer eine Knackwurst oder ein Braten, steht noch immer eine Flasche Wein, die zum Abendessen geöffnet wird. Und so fehlt es auch in diesem Band nicht an kulinarischen Einschüben, die von der Zubereitung von Blunzen, Grammeln, Braten und anderen berichten.
Nicht nur die bürgerliche Seite bekommt der Leser gezeigt, sondern auch die Soldaten, die müde vom Krieg waren. Die desertierten und lieber das Risiko eingingen, aufgegriffen zu werden, als in einem aussichtslosen Krieg weiter zu kämpfen und sich abschlachten zu lassen. Loibelsberger gelingt es großartig, mit seinen historischen Beschreibungen das Wien des Jahres 1918 wieder lebendig werden zu lassen. Er gibt seinen Lesern das Gefühl, ebenfalls durch die Straßen zu wandern und die Stadt mit eigenen Augen zu sehen. Das wird natürlich auch durch die Dialoge bestärkt, die in Wiener Mundart geführt werden. Für jene Leser, die des Wienerischen nicht kundig sind, gibt es nicht nur ein umfassendes Glossar, sondern auch zahlreiche Fußnoten, um die Redewendungen aus der Mundart zu verstehen.

In "Schönbrunner Finale" schickt Gerhard Loibelsberger seinen grantelnden Oberinspector Nechyba zum sechsten Mal los, einen Mord aufzuklären. Vor dem Hintergrund des historischen Wiens im Jahr 1918 gerät der Kriminalfall fast zur Nebensächlichkeit und man erhascht einen Blick auf das Leben jener Zeit und die damaligen Menschen.

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