Herrin der Lüge

von Kai Meyer
Rezension von Janett Cernohuby | 26. Januar 2009

Herrin der Lüge

Lügen haben nicht nur kurze Beine, sondern auch fatale Auswirkungen. Die Geschichte liefert uns hierfür genug Beispiele. Tausende Christen wurden verfolgt und getötet, weil Nero ihnen die Schuld am Brand von Rom gab; Papst Urban II. rief 1095 mit dem Versprechen ewiger Erlösung zum ersten Kreuzzug ins Heilige Land auf. Als Grund gab er die Befreiung der Heiligen Stätten von den Ungläubigen an. Doch ging es den Mächtigen wirklich um die Religion oder standen nicht eher politische Ziele im Vordergrund? Und sogar in der Bibel wird gelogen. Da ist Jakob, der sich als sein älterer Bruder Esau ausgibt, um Isaaks Segen zu bekommen. Oder Joseph, der, nachdem er in Ägypten zu Ehre und Wohlstand gelangt ist, seine Brüder belügt.
Egal wie groß oder klein sie sind; Lügen können fatale Auswirkungen haben. Über jene Folgen erzählt Kai Meyer in seinem Roman "Herrin der Lüge".

Sage ist nicht nur eine begnadete Seiltänzerin, sie besitzt auch noch ein anderes Talent, mit dem sie ihrem Publikum das Geld aus der Tasche zieht. In ihr wohnt der Lügengeist, der sie zur besten Lügnerin macht. Mit seiner Hilfe schmeichelt sie den Leuten, belügt sie und erheitert damit ihre Zuschauer. Gräfin Violante von Lerch hört vom dem Talent der jungen Gauklerin und sieht so endlich die Möglichkeit, ihren verschollenen Gatten im Heiligen Land zu suchen. Sie erpresst Saga und zwingt sie, in die Rolle einer Heiligen zu schlüpfen - der Magdalena. Denn die Gräfin weiß: Was immer Saga erzählt, die Menschen glauben ihr. Mit ihren Predigten ruft Saga zu einem Kreuzzug der Jungfrauen auf. Fünftausende junger Mädchen und Frauen folgen ihr auf dem gefährlichen Weg ins Heilige Land. Doch obwohl Saga als die beste Lügnerin der Welt gilt, ist sie nicht in der Lage die Wahrheit zu erkennen und wird so zum Opfer eines grausamen Ränkespiels der Kirche...

Die Lüge ist das zentrale Thema des Romans. Dessen Protagonistin, Saga, hat von Kindesbeinen an gelernt, ihr Publikum zu belügen und damit ihr tägliches Brot zu verdienen. Dabei ist sie so gut geworden, dass sie in sich den Lügengeist spürt. Anfängliche Skrupel, den Leuten das Geld aus der Tasche zu lügen, hat sie keine mehr. Dabei ist sie sich der Bedeutung und der Tragweite ihres Handelns keineswegs bewusst. Ebenso die Gräfin Violante, Sagas neue Herrin. Die Gräfin belügt rücksichtslos ihre Umwelt, um ihre eigenen persönlichen Ziele zu erreichen. Dabei sind ihr die Gefühle ihrer Mitmenschen und die Opfer, die diese bringen, völlig egal. Sie sieht nur sich und ihre Ziele. Doch beide Frauen müssen am Ende lernen, wie bitter es sich anfühlt, belogen zu werden. Dies ist besonders für Saga eine völlig neue und schockierende Erfahrung. Sie fühlt sich von ihren Begleiterinnen verraten, begreift aber nicht, dass auch sie tausende Frauen belogen und verraten hat.
Die Geschichte besteht aus zwei parallel verlaufenden Handlungssträngen, die sich am Ende miteinander verknüpfen. Der Leser begleitet einerseits Saga und die Kreuzfahrerinnen auf ihrem gefährlichen Weg ins Heilige Land und andererseits ihren Zwillingsbruder Faun, der auf der Suche nach Saga ist. Dadurch gelingt es dem Autor, eine fesselnde Handlung zu entwickeln. Dies ist auch notwendig, da die Spannung in diesem Buch viel zu kurz kommt. Oft entsteht beim Leser das Gefühl, gleich würde etwas Ereignisreiches passieren, wird dann aber oftmals dadurch enttäuscht, dass die folgenden Geschehnisse in wenigen Sätzen abgehandelt werden oder ein Szenenwechsel zu dem jeweils anderen Handlungsstrang erfolgt. Zeitweise bestand für mich die Motivation weiter zu lesen lediglich darin zu sehen, wie sich die einzelnen Charaktere weiterentwickeln würden. Dabei hätte es unzählige Möglichkeiten gegeben, Nervenkitzel und Dramatik einzubauen. Schließlich begleitet der Leser einen Zug aus tausenden Kreuzfahrerinnen, die, nur durch ein paar Söldner geschützt, von Deutschland über Mailand und Venedig ins Heilige Land ziehen. Und das zu einer Zeit, in der die Straßen keineswegs ungefährlich waren, besonders für Pilger. Auch der Überfall der Piraten wird zwar lang, aber ohne große Spannung erzählt. Gegen Ende des Romans drängt sich dem Leser immer mehr die Frage auf, was die Reisenden sich noch erhoffen, was sie glauben, noch zu finden. Doch dann eröffnet sich dem Leser doch noch eine überraschende, herausragende Aufklärung aller Geschehnisse.

Der historische Hintergrund des Romans, der Kreuzzug der Jungfrauen, lässt sich mit einem Satz erläutern: Es hat ihn nie gegeben. Der Autor bedient sich hierbei einer durchaus legitimen schriftstellerischen Freiheit. Dafür gibt es aber noch genügend andere historische Fakten, wie z. B. die geschichtlich belegten Personen und ihre (mögliche) Verwicklung in den Vierten Kreuzzug.
Besonders erwähnenswert ist das mitgelieferte Lesezeichen. Dieses dient nicht nur zum Wiederfinden der zuletzt gelesenen Textstelle, sondern beinhaltet auch eine hilfreiche Übersicht aller wichtigen Charaktere, denen man im Verlauf der Geschichte begegnet. Dafür vermisse ich jedoch eine Karte, welche die Reiseroute der Kreuzfahrerinnen darstellt. Dies konnten auch die schönen Zeichnungen, die jedem Teil bzw. Buch vorangestellt wurden, nicht wettmachen.

Insgesamt ist es ein unterhaltsamer, flüssig erzählter, wenn auch spannungsarmer Roman über die Macht der Lüge und einen Kreuzzug, den es zwar nicht gegeben hat, aber hätte geben können.

Details

  • Autor/-in:
  • Verlag:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    09/2006
  • Umfang:
    832 Seiten
  • Typ:
    Hardcover
  • ISBN 13:
    9783785722619
  • Preis:
    22 €

Bewertung

  • Gesamt:
  • Spannung:
  • Anspruch:
  • Humor:
    Keine Bewertung
  • Gewalt:
    Keine Bewertung
  • Gefühl:
    Keine Bewertung
  • Erotik:
    Keine Bewertung

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