Entrissen: Der Tag, als die DDR mir meine Mutter nahm

von Katrin Behr, Peter Hartl
Rezension von Janett Cernohuby | 22. August 2011

Entrissen: Der Tag, als die DDR mir meine Mutter nahm

Denkt man an die ehemalige DDR, denkt man an ein totalitäres Regime. Denn auch wenn eine große Tageszeitung "Freiheit" hieß, war diese in der DDR doch ein Fremdwort. "Zwang" würde in vielerlei Hinsicht wohl eher zutreffen. Auch vor Bereichen wie Adoption machte selbiger nicht Halt und so war Zwangsadoption nicht ungewöhnlich - natürlich nicht unter diesem Namen. Ein Opfer der Zwangsadoption meldete sich nun zu Wort und veröffentlichte im Droemer Verlag ihre Geschichte. "Entrissen: Der Tag, als die DDR mir meine Mutter nahm" heißt das traurige Zeitzeugnis, welches wir uns einmal genauer ansehen wollten.

Es ist ein dunkler Februarmorgen, als Männer in grauen Mänteln in die Wohnung der damals vierjährigen Katrin Behr und ihrer Familie eindringen. Gewaltsam trennen sie das kleine Mädchen und ihren wenige Jahre älteren Bruder von der Mutter und stecken die Kinder in ein Kinderheim. Hier beginnt Katrins lange und tragische Odyssee. Denn nur kurze Zeit später wird ihr auch noch ihr Bruder genommen und entfremdet. Katrin wird zwangsadoptiert. Doch sie weiß sich mit ihrer neuen Familie zu arrangieren. Es läuft gut und fast könnte Katrin glauben, hier nun doch so etwas wie ein Zuhause gefunden zu haben. Doch dann bekommen ihre Adoptiveltern ein eigenes Kind und Katrin spürt einmal mehr die Kälte und Härte der Welt. Pionier- und FDJ-Zeit steht sie durch, versucht es ihrer Adoptivmutter stets Recht zu machen und erntet dennoch nur Undank. Früh heiratet sie, sieht dies als Flucht aus der Enge an, muss aber feststellen, dass sie lediglich von einem Gefängnis ins nächste gewechselt ist. Auch hier funktioniert sie, steht ein Jahr ums andere durch und erlebt selbst die Wende nur beiläufig mit. Erst ein Zufall, eine medizinische Notwendigkeit, ermöglicht es ihr, den Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter widerherzustellen. Doch deren Jahre im Gefängnis des DDR-Regimes haben ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Katrin findet sich vor den Trümmern ihres Lebens wieder - Trümmer für welche das DDR-Regime verantwortlich ist.

"Entrissen: Der Tag, als die DDR mir meine Mutter nahm" ist ein ergreifender Roman über das Schicksal eines DDR-Kindes. Eines Kindes, wie es viele gab. Eines Kindes, wie es unter uns lebte, ohne dass wir sein trauriges Schicksal wahrgenommen hätten. Denn die DDR war der gute Staat, der für seine Bürger sorgte und sie vor dem großen, bösen Kapitalismus beschützte...
Der Leser begleitet die Autorin zurück in ihre frühesten Kindheitstage, die leider schon viel zu schnell eine tragische Wendung nehmen. Lügen, Ausflüchte und Ausreden begleiteten das junge Mädchen schon früh, formten es, zerstörten seine kindliche Seele. Katrin musste lernen, sich anzupassen, sich zu arrangieren. Es wurde nicht nach ihren Wünschen und Träumen gefragt, sondern nur, was das Beste für das System ist. Die Dinge nun mal so zu akzeptieren wie sie sind, war eine Lektion, die Katrin schon sehr früh lernen musste.
Neben dem Schicksal der Autorin bekommt der Leser auch einen Einblick in den DDR-Alltag eines Kindes. Man durchfährt Stationen wie die Aufnahme bei den Jung- und später Thählmannpionieren, dem Eintritt in die FDJ, die Jugendweihe und die Wahl des zukünftigen Berufes. Auch die Wende ist ein Thema, die Autorin handelt selbiges aber sehr neutral abhandelt. Daneben lässt aber auch das kurze Heimleben einen tiefen Eindruck beim Leser. Die rabiate und unliebsame Art, mit der Erzieher Kinder behandelten. Hänseleien - fast schon Mobbing zählte ebenso dazu, um Neulinge rasch in der Gruppe einzubinden, oder sie als Außenseiter abzustempeln.
Je mehr sich das Buch dem Ende zuneigt, desto mehr verlässt der Leser das Leben Katrin Behrs und macht einen Abstecher in die Thematik "Zwangsadoption". Denn so wie der Autorin ging es auch zahlreichen anderen Kindern. Mit ihrer Arbeit, zwangsadoptierte Kinder mit ihren Eltern wieder zusammenzuführen, lässt Katrin Behr ihren erschütternden Roman ausklingen.

Zusammengefasst ist "Entrissen: Der Tag, als die DDR mir meine Mutter nahm" ein ergreifendes, bewegendes und erschütterndes Buch. Es erzählt das Schicksal eines DDR-Kindes, dessen Mutter einmal zu oft laut gedacht hat und damit das Leben der ganzen Familie zerstörte. Ein Buch, welches in der Erinnerung des Lesers bleiben wird. Gleichzeitig ist es ein Zeugnis über einen Aspekt der DDR, der nicht vergessen werden darf.

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