Die Farben des Nachtfalters

von Petina Gappah
Rezension von Stefan Cernohuby | 26. August 2016

Die Farben des Nachtfalters

Viele Geschichten haben unterschiedliche Ursprünge. Und doch sind jene Erzählungen die kompliziertesten, die sich mit dem Wandel der eigenen Identität beschäftigen. Gerade wenn man „anders“ ist als die anderen und sich darüber hinaus noch in einem Land befindet, das sich selbst im Umbruch befindet, steigt die Anzahl der Möglichkeiten von Komplikationen erheblich an. Petina Gappah hat dafür ein sehr ungewöhnliches Szenario gewählt.


Memory bedeutet Erinnerung. Doch Memory, oder Mnemosyne – was das gleiche bedeutet – ist auch die Protagonistin des Romans. Diese stammt aus einem Vorort von Simbabwes Hauptstadt Harare und wäre grundsätzlich eine Schwarze. Grundsätzlich deshalb, weil Memory ein Albino ist und sich seit Jahren als verurteilte Mörderin im Gefängnis befindet. Hier hat sie nun die Möglichkeit, ihre Geschichte für eine ausländische Journalistin niederzuschreiben und versucht dabei einen roten Faden beizubehalten. Es gelingt ihr nur schwer. Mit neun Jahren wird sie von ihren Eltern an einen weißen Mann namens Lloyd verkauft, bei dem sie nun aufwächst, der ihr eine gute Schuldbildung, ein Studium und Auslandsreisen finanziert. Doch der Alltag im Gefängnis, in dem alle Insassen schikaniert, teilweise misshandelt und gedemütigt werden, ist genauso präsent wie ihre Vergangenheit als Kind, in der sie zwei Geschwister verloren hat, bevor sie von ihren Eltern an Lloyd übergeben wurde, den sie ermordet haben soll. Doch auch das Land selbst, das sich in ständigem Umbruch befindet und das man von seiner eigenen Vergangenheit als Rhodesien loszulösen versucht, gleicht einem Charakter. Vor allem da man anhand der anderen Darsteller erkennt, wenn sich wieder ein Wandel anbahnt...

Autorin Petina Gappah hat sich durch ein seltsames Detail zu diesem Roman inspirieren lassen. Laut eigenen Worten hatte sie gelesen, dass in ganz Simbabwe nur eine Person in einer Todeszelle saß. Unabhängig davon hat sie ihrer Protagonistin Vergangenheit, Eigenschaften und Geschichte verliehen, die diese außergewöhnlich machen. Die Handlung, die sich mit allen Handlungssträngen langsam voran arbeitet, ist alles andere als geradlinig. Auf Gegenwart folgt ein Auszug aus der Kindheit, dann aus der Jugendzeit und dann wieder aus dem frühen Erwachsenenalter. Doch trotz der dunklen Farben des Nachfalters zeigt der Roman ein sehr farbenfrohes Bild der Welt, in der er spielt. Eine Welt, die ständigen Veränderungen unterworfen ist. Man könnte zuerst meinen, die Erzählung ist in einem früheren Jahrhundert angesiedelt, merkt aber dann durch die immer häufiger werdenden modernden Begriffe, dass man sich in der Gegenwart befindet. Bemerkenswert sind auch die Referenzen aus Literatur und Popkultur, die durch die Autorin über die Protagonistin geschickt einestreut werden, um deren Bildung zu illustrieren – was einen starken Kontrast zu den wenig gebildeten Nebencharakteren bildet. Das Buch schwankt also zwischen Gefängnisreport, historischer Aufarbeitung und der Studie der sehr komplexen Charakterentwicklung einer ungewöhnlichen Person.

Überraschenderweise ist diese Mischung hervorragend gelungen. „Die Farben des Nachtfalters“ beleuchtet eine Situation, ein Land und eine sich wandelnde Gesellschaft aus mehreren unterschiedlichen Gesichtspunkten und mit wechselndem Fokus. Das macht das Werk der gebürtigen Rhodesierin Petina Gappah zu einem Geheimtipp, den man interessierten und experimentierfreudigen Lesern nur ans Herz legen kann.

Details

  • Autor/-in:
  • Verlag:
  • Genre:
  • Erschienen:
    08/2016
  • Umfang:
    352 Seiten
  • Typ:
    Hardcover
  • ISBN 13:
    9783716027509
  • Preis:
    22 €

Bewertung

  • Gesamt:
  • Spannung:
  • Anspruch:
  • Humor:
  • Gewalt:
  • Gefühl:
  • Erotik: