Ein europäisches Karussell

Dimitrij der Heiler

von Martin Rysavý
Rezension von Claudia Cernohuby | 06. August 2014

Dimitrij der Heiler

Der Weg vom Kommunismus über den Postkommunismus in die Moderne beschäftigt viele, vor allem osteuropäische, Autoren - meist auf einer persönlichen Ebene, die Außenstehende nur selten verstehen können. Auf eine ganz besondere Weise hat sich Martin Rysavý dem Thema genähert. Ob diese Annäherung dem Leser jedoch eine Möglichkeit eröffnet, tiefer in die Materie einzudringen, muss sich erst erweisen.

Das vorliegende Buch "Vrac", in der deutschsprachigen Ausgabe "Dimitrij der Heiler", behandelt das größte Land, das aus der ehemaligen Sowjetunion hervorgegangen ost. Der Originaltitel "Vrac" bedeutet so viel wie Arzt, Heiler - als das versteht sich der Erzähler, die Hauptperson, derjenige, der diesen einen Monolog führt.
So schildert der aus dem Theatermilieu stammende Erzähler sein Leben im Russland des Kommunismus und danach. Beim Aufenthalt in einem kleinen Badeort am Schwarzen Meer, in der Nähe von Soci erzählt er aus seinem Leben, von seinen Anfängen beim Film als Komparse, über seine Exfrauen, die bis auf eine Marina alle Olga hießen, seine Erlebnisse als Regisseur eines Moskauer Kellertheaters, über seine Kopfverletzung als Kind, seine Zeit in Sibiren, den Alkoholismus des Onkels und anderer Weggefährten. Er widmet sich den Unbilden des Kommunismus und danach, Veränderungen, erzählt über seine Bekannten, Freunde, sein Leben - und damit auch über Untiefen der ehemaligen Sowjetunion während ihrer Existenz und danach.
Dabei philosophiert er über die Gemeinsamkeiten von Stalin und dem Marquis de Sade, über Sigmund Freuds Theorien, über berühmte russische Künstler oder einfache Leute, spricht über Alkoholismus und Landesverrat. Er beschreibt aberwitzige Situationen und Alltägliches, das manch einem westeuropäischen Leser äußerst absurd erscheinen mag. Dabei mangelt es nicht an Sarkasmus. Alles in allem ein unterhaltsames, interessantes Buch, das durchaus eines längeren Blickes Wert ist.

Das Buch ist - so schwer vorstellbar das auch ist, tatsächlich ein mehr als dreihundert seitiger Monolog - endlos, ohne Unterbrechungen. Die eine oder andere rhetorische Frage, die gestellt wird, wird nicht beantwortet. Überraschenderweise schafft es das Buch dennoch, nicht langweilig zu sein, auch wenn die Form das Lesen ziemlich anstrengend macht.
Auch bei diesem Roman aus dem "europäischen Karussell" ist die gesellschaftliche Veränderung nach dem Ende der Sowjetunion das Hauptthema. Das einleitende Zitat fasst viele der Inhalte zusammen: "Russland, das ist das Land, wo man gute Sachen schlecht macht. Und schlechte gut." Martin Rysavý ist ein tschechischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur, er arbeitet als Dozent am Lehrstuhl für Regie und Dramaturgie der Prager Filmhochschule. In mehreren Arbeiten beschäftigte er sich mit Russland, dem er auch viel Zeit und viele Reisen gewidmet hat.

Das Buch wurde vielfach ausgezeichnet, es erhielt den Magnesia Litera Literaturpreis (2011), den Josef-Skvorecký-Preis (2011) und den Bank Austria Literaris 2012. Ob es sich deshalb aber für jeden Leser, der in russische Literatur hineinschnuppern will, geeignet ist, darf bezweifelt werden. Denn dafür ist die gewählte Form der Erzählung zu anstrengend.

Details

Bewertung

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