Die Legende von Sigurd und Gudrún

von J. R. R. Tolkien
Rezension von Stefan Cernohuby | 27. Oktober 2010

Die Legende von Sigurd und Gudrún

Schon mehrere Male hat es gut funktioniert, vergessene oder verschollene Schöpfungen einstiger Bestsellerautoren ans Tageslicht zu bringen. Denn eines ist klar, wenn jemand ein Werk geschrieben hat, das sich am zweitmeisten nach der Bibel verkauft hat, wird auch jedes weitere Buch ähnlich starke Resonanz hervorrufen. So ist "Die Legende von Sigurd und Gudrún" sicherlich zehntausende Male über den Ladentisch gegangen, bevor noch irgendwer genau wusste, was sich zwischen den Buchdeckeln befand. Kein Wunder, ist der Autor doch J. R. R. Tolkien.

So sieht sich der Leser mit einem Werk konfrontiert, das ihm einiges abverlangt. Das Buch beginnt mit einem Vorwort, inwiefern sich Tolkien mit der nordischen Mythologie auseinander setzte. Danach folgt auch ein Auszug aus einem Vortrag, den er zum Thema der älteren Edda erarbeitet hatte. Nach einigen Erläuterungen zur Materie beginnt die eigentliche Erzählung, aufgeteilt in zwei Teile. Der erste Teil heißt "Das neue Wölsungenlied", in dem es zu Beginn um Götter, ihren Hader untereinander und ihre Nachfahren und Schätze geht. Die Wölsungen spielen ebenfalls eine große Rolle, vor allem was die Linie Sigmunds angeht. Denn schließlich ist er der Vater von Sigurd, dem tragischen Helden des Nibelungenlieds. Es folgen einige jener Abenteuer, die man bereits kennt. Er erschlägt Fafnir, erringt dessen Schatz, weckt die schlafende Brynhild mit einem Kuss. Alles scheint perfekt, bis Grímhild beschließt, dass Sigurd der passende Mann für Gudrún, ihre Tochter, wäre. Mit einem Zaubertrank löscht sie Sigurds Gedächtnis aus, genauso wie die Tatsache, dass er eigentlich Brynhild versprochen ist. Danach ist die Geschichte soweit gleich wie in der ursprünglichen Nibelungensage.
Nach einigen Erläuterungen folgt der zweite Teil, "Das neue Gudrúnlied", der sich - wie der Titel suggeriert - um Gudrún dreht. Und hier ist der Hauptunterschied zur klassischen Saga auszumachen so ist es nämlich nicht Gudrún, die aus Rachsucht um ihren geliebten Mann ihre ganze Familie auslöscht, sondern der gierige Atli, ihr neuer Ehemann. So rächt sie sich an ihm auf grausame Weise und nach einigen Wanderungen durch die Welt ertränkt sie sich selbst.

Nun kann man darüber spekulieren, was Tolkien dazu bewogen hat, eine klassische Erzählung nach seinen eigenen Vorstellungen umzuschreiben. Sein Sohn Christopher, der auch der Herausgeber des Werks ist, erklärt es sich damit, dass sein Vater viele der Probleme und Ungereimtheiten aus der Welt schaffen wollte - zumindest in seiner Version.
Dass sich Tolkien das Versmaß angeeignet hat und sein Stil perfekt passt, kann man erwarten. Das ändert aber leider nichts an der Tatsache, dass man einerseits die Katze im Sack erhält und andererseits trotz der Alternativhandlung ein Großteil der Motivation der Charaktere in der Luft hängt. Man weiß nicht warum jemand so handelt wie er handelt, man versteht viele Hintergründe nicht und muss etliches nachlesen. Auch die Übersetzung ist ein Knackpunkt. Natürlich ist es schwierig, das englische Original in vernünftiges Deutsch zu bannen. Doch dann stehen einander die beiden Sprachen gegenüber - und das lässt auch die beste Übersetzung relativ mittelmäßig erscheinen. Kann man sich wirklich für Verse begeistern und war auch schon beim "Herrn der Ringe" einer derjenigen, der die Lieder und Gedichte geliebt hat, kann man sicher auch dem neuen Nibelungenlied einiges abgewinnen. Entspricht man jedoch dem durchschnittlichen Lesertypus, bleibt trotz hervorragender Erklärungen, zusätzlicher Informationen und vieler weiterer Texte nicht mehr als ein durchschnittliches Buch zurück - etwas, was J. R. R. Tolkien leider nicht gerecht wird.

Wäre "Die Legende von Sigurd und Gudrún" nicht von J. R. R. Tolkien, wäre das Werk vermutlich ewig verschollen geblieben. Nun ist es aber anders und tausende Leser haben das Buch gekauft, um daraufhin überrascht von seinem Inhalt zu sein. Auch wenn selbiger qualitativ hochwertig ausgearbeitet ist, entsprechen Verse, Erläuterungen und Vorträge doch nicht dem, was man eigentlich vom Autor erwartet hat. Somit bleibt das Werk hinter den Erwartungen zurück.

Details

  • Autor/-in:
  • Verlag:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    08/2010
  • Umfang:
    560 Seiten
  • Typ:
    Hardcover
  • ASIN:
    3608937951
  • ISBN 13:
    9783608937954
  • Preis:
    24,9 €

Bewertung

  • Gesamt:
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  • Gewalt:
  • Gefühl:
  • Erotik:
    Keine Bewertung

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