Die Chroniken von Azuhr

Der Verfluchte

von Bernhard Hennen
Rezension von Stefan Cernohuby | 20. Februar 2018

Der Verfluchte

Familie ist etwas, das man sich nicht aussuchen kann. Das mussten schon die Protagonisten verschiedener epischer Romanreihen erkennen. Bernhard Hennen hat mit „Der Verfluchte“ den ersten Band einer neuen Serie gestartet, welche „Die Chroniken von Azuhr“ heißt. Und auch hier gibt es schon von Beginn an Zwistigkeiten, welche voraussichtlich ein zentraler Bestandteil der ganzen Reihe werden. Wir wollten natürlich mehr wissen.

Nandus Tormeno ist der Erzpriester in Dahlia. Er stammt aus einer Familie mit viel Geschichte – Geschichte, die weder unblutig noch friedlich verlaufen ist. Als ihm während einer Predigt die silberne Mondscheibe des Tempels gestohlen wird, müssen Menschen sterben, auch unschuldige. Denn Nandus ist nicht nur Priester, er ist auch Krieger, Politiker und verfolgt dabei ohne Erbarmen seine eigenen Ziele und die des Reichs. Dabei war der Dieb in Wahrheit sein Sohn Milan, der nicht ertragen kann, dass bereits sein ganzes Leben vorausgeplant wurde, ohne dass man ihm ein Mitspracherecht einräumt. Verkleidet als Krähenmann wollte er den Ruf seines Vaters zerstören. Tatsächlich verstrickt er sich jedoch selbst in politische Intrigen, die ihn über einer Spionin namens Felicia und eine Konkubine namens Nok in die Fremde führen. Gefühlschaos und ein aufziehender Krieg haben Verrat und Bestrafung zur Folge. Doch tatsächlich steht noch viel mehr auf dem Spiel. Denn alte Mären erwachen wieder zum Leben und die Mitglieder der Familie Tormeno scheinen allesamt im Zentrum eines Dramas zu stehen, das mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor begonnen hat. Doch was die richtige Seite ist, ist nur schwer zu ermessen.

Bei einem phantastischen Roman liegt die Herausforderung darin, mit der Erwartungshaltung des Lesers zu spielen. Doch Bernhard Hennen hat sich dazu entschiedet, das dieses Mal anders zu handhalben. Er spielt mit ihr, um sie danach in eine völlig andere Richtung zu lenken. „Der Verfluchte“ beginnt damit, den Leser dazu zu verleiten, die Position der Figuren auf dem Spielbrett in eine typische Position zu bringen. Doch gerade als man damit anfängt, sich an die Figuren zu gewöhnen, muss man erkennen, dass nicht alles so ist, wie erwartet und sich schon gar nicht so zu entwickeln. Obwohl die verschiedenen Richtungswechsel in der Handlung dem Roman ein wenig von dem Zauber nehmen, der ihm ursprünglich innegewohnt hat, liest man die Handlung doch gespannt bis zum Ende. Die Charaktere des Werks sind sehr gut gelungen – selbst jene, die absichtlich nur als Abziehbild und lebendes Klischee eingefügt wurden. Man kann gespannt sein, wie sich das Drama rund um die verschiedenen Mitglieder der Famile Tormeno weiterentwickelt. Denn gerade durch das schrittweise Einbringen von Magie und Sagengestalten und vor allem die spezielle Fähigkeit von Protagonist und Antagonist verheißen eine Serie, mit der man noch viel Spaß haben wird. Für uns ist das Werk, das eine der letzten großen Phantastikerscheinungen des Jahres 2017 war, ein Werk, das man gelesen haben sollte - nicht nur wegen der blauen Seitenränder der Erstausgabe.

Auch wenn „Der Verfluchte“ ein wenig mit den Erwartungen des Lesers spielt, um diese dann absichtlich zu enttäuschen, hat Bernhard Hennen hier einen sehr spannenden ersten Roman seiner neuen Reihe geschrieben. „Die Chroniken von Azuhr“ beginnen rasant, stimmungsvoll und warten mit zahlreichen Charakteren auf, von denen nicht alle erhalten bleiben. Doch gerade für die Verweigerung dessen, dem Leser das zu geben, was er will und erwartet, ist dieser Roman für uns eine Empfehlung wert.

Details

Bewertung

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