Route 66


Auf 2451 Meilen von Chicago nach Santa Monica
von KUNTH Verlag GmbH & Co. KG
Rezension von Michael Seirer | 18. Juli 2018

Route 66

Sie ist knapp 4000 Kilometer lang und gilt als die erste asphaltierte Straße von Ost nach West in Amerika. Als Synonym für Freiheit, den amerikanischen Traum und den Wilden Westen führt sie durch lebendige Metropolen und menschenleere Gegenden. Ein Bildband im Kunth-Verlag widmet sich nun der Geschichte der „Mother Road“, der „Route 66“, und nimmt den Leser mit auf eine Reise von Chicago nach Santa Barbara.

Alles begann vor zirka 100 Jahren, als die ersten Automobile damit begannen, der Bahn Konkurrenz zu machen. Das günstige Model T von Ford führe zu einer explosionsartigen Verbreitung von Autos. Befestigte Straßen gab es damals jedoch keine, nur Reit- und Kutschwege. Das Ziel war eine durchgehende Straße von Chicago an die Westküste Kaliforniens zu ermöglichen um so aufstrebende Wirtschaftsregionen zu verbinden. Die acht dabei beteiligten Bundesstaaten Illinois, Missouri, Kansas, Oklahoma, Texas, New Mexico, Arizona und Kalifornien einigten sich auf ein gemeinsames Vorgehen, und so konnte im November 1926 der „National Old Trails Highway“ eröffnet werden (der Vorläufer der Route 66). Die Strecke führte an der Eisenbahnlinie entlang und durch komplett unterschiedliche Gegenden: Stahl- und Glaspaläste in den Städten wechselten  sich mit Lehmbauten in New Mexico oder weiten Canyons in Arizona ab. In den 1950er Jahren begannen die Interstate-Straßen der „Mother Road“, wie die Amerikaner die Route 66 auch nennen, den Großteil des Verkehrs zu übernehmen. So ist die Straße heute eine Art Freiluftmuseum für Tankstellen, Diners und Motels, die die Zeit mehr oder weniger gut überlebt haben. Ein Architekturstil zeigt sich besonders oft: Art Déco. Seine Blüte erlebte er in den 1920er und 1930er Jahren und zeichnet sich durch eine besonders verspielte, fantasievolle und farbenreiche Gestaltung aus. Aus dem Jugenstil hervorgegangen, kombiniert Art Déco strenge geometrische Formen mit verspielten Elementen und gewagten Farbkombinationen. So sind es auch oft Fotografien von Art Déco Gebäuden, die man mit der Route 66 verbindet.

Neben einigen Doppelseiten mit allgemeinen Informationen, beispielsweise über die Geschichte der Indianer und der Besiedlung des Westens, bereist das Buch in farbenreichen Fotografien die Strecke von Chicago nach Santa Barbara in Kalifornien. Dabei werden Klassiker wie die Cadillac Ranch oder der Grand Canyon gezeigt, aber auch State Parks und das dortige Tierleben. Drei Doppelseiten sind zusätzlich ausklappbar um die besondere Weite der Landschaft besser spürbar zu machen.

Das Buch ist am ehesten noch als Bildband mit zusätzlichen Hintergrundinformationen zu beschreiben. Als Reisevorbereitung oder zur Planung ist es nicht geeignet - dafür sind die enthaltenen Texte zu oberflächlich. Die weiterführenden Kapitel neben der reinen Beschreibung der Orte entlang der Route 66, beispielsweise die Rolle der Cowboys und -girls im heutigen Amerika, geben spannende Einblicke in den Mythos Route 66. Schade, dass davon nicht mehr im Buch enthalten sind.

Die enthaltenen Fotografien sind von schwankender Qualität, was nicht weiter wundert, da diese von diversen Fotoagenturen zusammengekauft wurden und nicht von einem Fotografen stammen. Das grundsätzlich ansprechende Layout verliert sich manchmal in der Darstellung zu vieler - und damit zu kleiner - Fotos auf einer Seite.

Eine Reise entlang der Route 66 führt durch das 20. Jahrhundert der Vereinigten Staaten. Bevor sie durch modernere Interstate-Highways ersetzt wurde, war sie die Hauptroute von Ost nach West. Schrullige Tankstellen und Motels trotzen dem dem langsamen Verfall und halten den „Go West“-Mythos immer noch hoch. Wer sich für das Amerika der 1920er bis 1960er Jahre interessiert kann mit diesem Buch gedanklich auf Reise gehen und Neon-Reklamen, Fast-Food-Restaurants und Oldtimer entlang der Strecke bewundern. Denn wer weiß, wie lange sich die Route 66 und ihre Attraktionen noch dem sich schnell ändernden Leben und Reisengewohnheiten entgegenstellen kann.

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