Horrorgami

von Marc Hagan-Guirey
Rezension von Elisabeth Binder | 26. Oktober 2015

Horrorgami

Marc Hagan-Guireys Künstlername ist der Paper Dandy, der mit der Ausstellung seiner elaborierten und inszenierten Kirigami Projekten spätestens seit 2012 durch die vorwiegend englisch-sprachigen Medien geistert und das im fast wörtlichen Sinn. Denn der reale Paper Dandy fühlt sich seit frühester Kindheit von Horror-Filmen magisch angezogen und was macht ein professioneller Designer in diesem Fall? Er bannt das Grauen auf Papier und in ein Buch.

Kirigami kommt, wie der Name vermuten lässt, aus dem Japanischen und bedeutet so viel wie geschnittenes (kiri) Papier (gami). Im Wesentlichen sind das Scherenschnitte, die durch ein paar strategisch angebrachte Querfaltungen den typischen 3D-Effekt erhalten, wie man ihn von Pop-Up Karten kennt. Die Ausgangsmaterialien sind also äußerst simpel: genau ein Blatt Papier (mit aufgedruckter Vorlage), ein Cutter, eine Schneidunterlage, viel Geduld und für Anfänger wahrscheinlich auch eine Großpackung Baldriantropfen. Weitere Hilfsmittel sind bei Kirigami nicht erlaubt. Genau das macht für den Paper Dandy die Faszination aus und seiner Phantasie sind scheinbar keine Grenzen gesetzt.

Jedes der insgesamt zwanzig Faltmodelle wird mit einer Hintergrundgeschichte eingeleitet, in der der Autor kurz erzählt, von welchen Horrorfilmen und -büchern er sich inspirieren ließ. Dazu gehören Klassiker der Literatur wie Frankenstein, Dracula oder der Untergang des Hauses Usher, genauso wie die richtig blutigen Horrorfilme à la Kettensägenmassaker. Danach folgen Schneidetipps, die eine möglichst erfolgversprechende Schneidestrategie erklären, sowie jeweils genau sechs Bilder, die den Faltvorgang erklären. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich dann die Vorlage, auf hochwertigem Karton gedruckt ist.

Von den Modellen gibt es in jedem Kapitel zwei ganz-seitige Fotos. Eines zeigt das frisch gefaltete Modell in den Händen seines Schöpfers im Urzustand, also im einfachen Weiß des Kartons. Das andere Foto ist künstlerisch gestaltet, dramatische Silhouetten vor farbiger Hintergrundbeleuchtung, die sich im Vordergrund spiegeln. Diese Effekte lassen sich wohl nur schwer im Hobbyraum nachvollziehen, das sollte aber dem Schneide- und Faltvergnügen keinen Abbruch tun. Die Modelle sind auch ohne Beleuchtung spektakulär, Bewunderung für fertiggestellte Arbeiten ist mehr oder weniger inkludiert.

Der beste Tipp im gesamten Buch: "Wenn Sie die Vorlagen aufbewahren, können Sie auch einfach einen zweiten Versuch machen." Glücklicherweise lässt sich das Buch zerstörungsfrei so weit aufklappen, dass man von den Vorlagen einwandfreie Kopien anfertigen kann. Mit dieser Fallback-Lösung im Kopf kann man das Schneiden der filigranen Modelle entspannt und durchaus auch zur Entspannung angehen. Für den Anfang gibt es auf jeden Fall fünf leichte Einsteigermodelle, der Großteil bewegt sich im Bereich mittel und anspruchsvoll. Hier sei das Kopieren der Vorlagen auf jeden Fall angeraten.

Das Ergebnis ist auf jeden Fall um ein Vielfaches lohnender als die Malbücher für Erwachsene, die in letzter Zeit als Stressabbau- und Meditationshilfen in rauen Mengen verkauft werden. Für das Cover hat sich der Verlag noch einen besonderen Gag einfallen lassen: ein Werwolf heult einen großen gelben Mond an, der mit fluoreszierender Farbe gedruckt ist. Ein leicht leuchtendes Buch in einem dunklen Raum ... von dort kommt das Grauen und Gruseln, aus dem Kopf und nicht unbedingt von literweise künstlichem Leinwandblut.

Details

Bewertung

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