Honeckers letzter Hirsch


Jagd und Macht in der DDR
von Helmut Suter
Rezension von Elisabeth Binder | 25. Juni 2018

Honeckers letzter Hirsch

"Honeckers letzter Hirsch" ist bereits das dritte Buch des Jagdhistorikers und Museumsleiters Helmut Suter. Diesmal widmet er sich nicht ausschließlich der nördlich von Berlin gelegenen Schorfheide, sondern geht der umfassenderen Frage nach Jagd und Macht in der DDR auf den Grund.

Gleich in der Einleitung wird die Antwort auf diese Frage auf den Punkt gebracht. Die Rolle der Jagd für die obersten Repräsentanten der DDR (und deren politische Gegenüber aus befreundeten Ländern) unterschied sich in ihrer Funktion nicht wesentlich von ihren adeligen oder nazistischen Vorgängern an derselben Stelle. So wurde die Waldeinsamkeit zur Erholung von der anstrengenden Regierungs- und Unterdrückungsarbeit geschätzt, aber auch für die politische Packelei und Diplomatie abseits der Öffentlichkeit genutzt. Daneben ging es auch um das Ansammeln von Trophäen ohne Rücksicht auf Verluste. Dabei fing alles mit einem wirklichen Neuaufbruch an. Das Jagdgesetz von 1953 erklärte alle jagdbaren Tiere zum Volkseigentum und deren Bewirtschaftung als Staatsaufgabe. Jagen war nur mehr im Jagdkollektiv in den neu geschaffenen Jagdgebieten möglich. Obwohl die Jagd nun nicht mehr eine Frage des Geldes war, wurde der Zugang zur Jagd politisch streng kontrolliert. Schließlich mussten Personen, die in ihrer Freizeit Zugang zu Waffen und Munition hatten, strengstens auf ihre Zuverlässigkeit und Treue zum Staat geprüft werden. Ab 1962 durfte nur mehr jagen, wer einer Jagdgesellschaft angehörte. Diese Jagdgesellschaften wurden akribisch überwacht, das Ministerium für Staatssicherheit rekrutierte eine große Anzahl an inoffiziellen Mitarbeitern für diesen Zweck. Vor allem Verbindungen in den Westen wurden penibel aufgezeichnet, wie beispielsweise der Bezug der - völlig ironiefrei -  als "Schund- und Schmutzliteratur" eingestuften westdeutschen Zeitschrift "Jagd und Hund" (S. 50). Mehr oder weniger gleichzeitig mit dem neuen Jagdgesetz begann man mit der Schaffung von Sonder- und Staatsjagdgebieten, die der exklusiven Nutzung durch besonders verdienstvolle und hohe Kader vorbehalten waren. Der Großteil des Buchs erzählt die Geschichte dieser Sonderzonen, in denen die ungeregelte Jagdleidenschaft von Honecker und Co. ein gutes Stück Volksvermögen verschlang. Da wurden Unsummen für den Bau und Umbau von Jagdhütten ausgegeben, die dann zu Spottpreisen an die Nutzer vermietet wurden. Der Wildbestand wurde mit finanziell kostspieligen Mitteln und weit über die forstlich vertretbaren Grenzen erhöht, damit Jagderfolge möglichst einfach zu erzielen waren. Allein die Kosten für Wildtierfütterung mit Kraftfutter mit dem alleinigen Zweck bessere Trophäen zu erzielen waren enorm. Aber auch sonst wurden keine Kosten und Mühen gescheut, die Jagd so angenehm wie möglich zu gestalten. Jagdwaffen und -autos wurden aus dem Westen mit harten Devisen angeschafft, teilweise sogar in Spezialanfertigung. Die Liste der Privilegienritterei ließe sich noch endlos fortsetzen. Mit vielen Beispielen zeigt Suter, wie die Führungsspitze allmählich jegliche Bodenhaftung verlor. Auch der Anfang vom Ende der DDR ist eng mit der Jagd verbunden. Unmittelbar nach seinem am 18. Oktober 1989 erzwungenen Rücktritt begab sich Erich Honecker wieder in "sein" Jagdhaus in der Schorfheide, nachdem man ihm zuvor noch die uneingeschränkte Ausübung seiner bevorzugten Freizeitbeschäftigung zugesichert hatte. Viel Zeit für Selbstreflexion blieb auch da nicht, bis zum 8. November erlegte er an sieben Tagen knapp 30 Stück Wild (S. 198). Noch im selben Monat gab es dann die ersten Ermittlungen gegen die ehemaligen "Staatsjäger" wegen Amtsmissbrauch und Korruption, die nicht unerheblichen Kosten ihrer Jagdleidenschaft spielten dabei von Anfang an eine Rolle.

Eine Ironie der Geschichte, die übrigens nicht im Buch erwähnt wird: die in der DDR als subversiv geltenden Naturschützer haben letztendlich Recht behalten. Bereits im September 1990 wurde das Staatsjagdgebiet Schorfheide Teil des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin, das es mit seinen ausgedehnten Buchenwäldern inzwischen zum UNESCO-Weltnaturerbe geschafft hat. Die Jagd gibt es dort aber immer noch, diesmal wieder unter adeligen Vorzeichen. Und so wiederholt sich offensichtlich wieder die Geschichte. Noch sitzen allerdings die Naturschützer am buchstäblich längeren Ast und konnten die Bauvorhaben einer fürstlichen Forstverwaltung gerichtlich verhindern.

Das Thema "Jagd und Macht" in einem autoritären Staat wie der ehemaligen DDR wäre eigentlich ganz spannend, dem Autor gelingt es allerdings nur bedingt, diese Geschichte auch schlüssig zu erzählen. Der rote Faden ist oft nur schwer zu erkennen. Es gibt zwar Kapitel mit vielversprechenden Titeln wie "Die Jagd- und Forstwirtschaft im Visier des Geheimdienstes", nach ein paar einleitenden Absätzen zum Thema biegt der Text bald in eine andere Richtung ab. Stellenweise wirkt das so, als ob hier jemand den Inhalt seines ausführlich und akribisch recherchierten Zettelkastens unter allen Umständen in seiner Gänze loswerden wollte. Dasselbe gilt für die vielen Fotos, die zwar immer interessant, oft aber den Kontext vermissen lassen. Vielleicht liegt es ja auch an der prekären Datenlage, dass der Autor sich so schwer von seinen archivarischen Fundstücken trennen kann. In der "Nachbemerkung" (S. 220) erfährt man, wie weit die Quellen verstreut waren und vor allem wie unvollständig sie inzwischen geworden sind. Die Hoffnung, das Jagdwesen in der DDR und die damit verbundenen politischen Implikationen umfangreich aufzuklären, wurde schnell zunichte gemacht. Teilweise wurden Akten verbrannt, durch Unwissenheit entsorgt, auf Archive verteilt und verschwanden im Privatbesitz.

Die DDR gibt es inzwischen schon fast 30 Jahre nicht mehr. Es ist also genug Zeit vergangen, um aus der Geschichte zu lernen. In "Honeckers letzter Hirsch" gibt Helmut Suter den LeserInnen genügend Material dazu an die Hand. Auch wenn die Lektüre teilweise durch die Faktenfülle etwas erschwert wird, erhält man eine gute Vorstellung wie die Mechanismen zur Gestaltung und Erhaltung von politischer Macht funktionieren.

Details

Bewertung

  • Gesamt:
  • Spannung:
  • Anspruch:
  • Illustration: