Genial beweglich!


Alles über Rücken, Schulter, Hüfte, Knie - und was hilft, wenn's zwickt
von Hanno Steckel
Rezension von Elisabeth Binder | 08. Mai 2018

Genial beweglich!

Nach Darm, Haut, Nieren und Tastsinn gibt es jetzt auch vom medizinischen "Knochenmann" einen Beitrag zum Genre der humorigen und im besten Sinne-populärwissenschaftlichen Ratgeberliteratur. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand auf die Spur der Ursachen für rund ein Viertel aller Krankenstände in Deutschland macht.

Hanno Steckel ist ein viel beschäftigter Kniespezialist in Berlin, der, wie im Klappentext verraten wird, jährlich um die 500 Operationen durchführt. Trotz dieser nicht unbeträchtlichen beruflichen Belastung fand der habilitierte Orthopäde genug Zeit, um ein gut lesbares Handbuch über das faszinierende Zusammenspiel von 200 Knochen, 100 Gelenken, 600 Muskeln, Bänder, Knorpeln und Sehnen zu verfassen. Die ersten zwei Teile des Buchs widmen sich den einzelnen Komponenten der passiven (Knochen, Gelenke, Knorpel) und der aktiven (Muskeln, Bänder, Sehnen) Teile des Bewegungssystems. Im anschließenden Teil werden die größeren Regionen von Kopf bis Fuß näher erläutert, eben genau das, was uns Menschen so genial beweglich macht.

Nachdem nun hinreichend klar ist, wie komplex der Bewegungsapparat und wie hoch eigentlich die Belastung durch den aufrechten Gang ist, widmet sich der vierte Teil den häufigsten Fragen, die Orthopäden in ihrer Praxis und im Alltag gestellt werden. Anhand der Antworten auf diese Frage lernen besorgte Eltern, auf welche Schmerzsignale ihrer Kinder sie wirklich hören sollten (Stichwort Hüftschmerzen) und dass Einlagen nur in den wenigsten Fällen benötigt werden. Für Erwachsene gibt es Hinweise zu Gicht, Osteoporose, Rheuma, Burn-Out und den Folgewirkungen der zunehmenden "Versessenheit" unseres Alltags. Jede der Fragen wird mit einem Fazit abgeschlossen, in dem die wesentlichen Punkte wiederholt werden. Dabei fällt auf, dass Eltern oft orthopädische Probleme vermuten, wo es keine gibt, während bei Erwachsenen die Vernachlässigung der eigenen Bewegungsmaschinerie zur Routine wird. Dabei spielen soziale verursachte Geschlechterstereotype eine nicht unwesentliche Rolle. Echte Männer gehen offensichtlich lieber zum Orthopäden, um sich ihren Burn-Out in Gestalt von Rückenschmerzen wegspritzen zu lassen, und ignorieren geflissentlich die Auswirkungen der Andropause auf den Bewegungsapparat. Unterm Strich gilt als therapeutische Antwort für die meisten der häufig gestellten Fragen: Bewegung ist die beste Medizin.

Im nächsten, dem umfangreichsten Teil, geht es dann - endlich - um orthopädische Krankheitsbilder und deren Behandlungsmöglichkeiten, also zumeist um Abnützungserscheinungen durch einseitige Belastungen oder Alterungsprozesse. Die Krankheitsbilder werden nicht nur beschrieben, sondern auch in ihren Zusammenhängen erklärt, so wie man sich das als mündiger Patient bei einem Arztbesuch wünschen würde. Trotz seines umfangreichen Operationspensums wird der gute Doktor nicht müde zu betonen, dass Operationen eigentlich nur einen kleinen Teil des Therapiespektrums ausmachen. Das wäre noch viel mehr der Fall, wenn Menschen nur ein klein wenig mehr Zeit in Prävention investieren würde. Im letzten Teil gibt es dazu noch einige Tipps, die allerdings nur eine Richtung aufzeigen. Die konkreten Übungen sind dafür nicht genau genug beschrieben. An dieser Stelle hilft eine kurze Internetrecherche. Aber bitte nicht vergessen: Das Anschauen von Fitness-Videos ersetzt nicht die Durchführung. Mit 2,5 Stunden pro Woche, etwas mehr Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Körper und einer halbwegs ausgewogenen Ernährung ist man schon dabei in der Abwehr von Rückenschmerzen und Co.

Einen Index gibt es im Buch leider nicht, aber mit dem Inhaltsverzeichnis kommt man relativ sicher zum Ziel, wenn man im Anlassfall auf der Suche nach spezifischen Wehwehchen ist. Die zwei Seiten Literaturhinweise am Schluss dienen lediglich der Inspiration. Diese fällt aber etwas tendenziös aus, mit verdächtig vielen Ernährungsratgebern und Büchern von und über Ultraläufer. Was will uns der gute Doktor damit sagen? Dass er seine eigene Warnung vor übertriebener Sportlerei doch nicht so ernst nimmt oder glaubt er seine LeserInnen damit vom Sofa weglocken zu können? Für echte Couch-Potatoes gibt es auf der Homepage von Dr. Steckel noch eine neunseitige Literaturliste, in der sich das wissenschaftliche Unterfutter des Buches nachlesen lässt.

"Genial beweglich" ist eine kurzweilige und flott zu lesende Gebrauchsanleitung für den eigenen Bewegungsapparat. Mit der nötigen Achtung, so die Hoffnung des Autors, sollte sich auch die notwendige Achtsamkeit im Umgang mit diesem mechanischen Wunderwerk einstellen.

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