Spider-Man Noir

Spider-Man Noir: Berlin bis Babylon

von Margaret Stohl, Juan Ferreyra (Illustration)
Rezension von Gabriel Zupcan | 10. September 2021

Spider-Man Noir: Berlin bis Babylon

Mit Fedora, Trenchcoat und Knarre begibt er sich in die dauerberegneten Straßen von New York, um ein Rätsel zu lösen. Die Rede ist dabei nicht von Philip Marlowe, Sam Spade oder auch Dick Tracy. Mitnichten! Es ist Peter Parker, auch bekannt als Spider-Man, der in den grummeligen Fußstapfen von Humphrey Bogart wandeln darf. Marvel trifft auf Noir!

„Spider-Man Noir“ ist, wie vermutet, eine Geschichte, die auf einer alternativen Welt des Multiversums spielt. Das Marvel-Universum wird hier in die Welt der Noir- und Pulp-Krimis der 30er und 40er Jahre versetzt. Ein überaus ansprechendes Konzept. Das Noir-Genre ist im Vergleich zu vielen anderen Welten der Popkultur noch unterbenutzt und wirkt nicht ausgelutscht. Die fehlende Nummerierung bei „Spider-Man Noir: Berlin bis Babylon“ ist etwas irritierend, da es sich hier mitnichten um einen Einzelband oder gar Beginn einer Serie handelt. Unter dem „Spider-Man Noir“-Label (bzw. „Marvel Noir“) erschienen bereits mehrere Bände, in deren Verlauf der netzschwingende Detektiv bereits die „Radieschen von unten betrachten“ durfte, um im Sprachgebrauch des Genres zu bleiben. Doch ein echter „Gumshoe“ ist nicht so leicht kalt zu machen, und so wurde Peter Parker wiederbelebt und bekommt unter der Feder von Margaret Stohl eine weitere Chance einen kniffligen Fall zu lösen.
Die Ausgangslage ist ganz schön spannend: in einem Nachtklublokal wurde ein Massaker angerichtet. Peter findet bei einer Toten ein mysteriöses Insekten-Amulett und macht dadurch eine deutsche Archäologin ausfindig: unsere Femme Fatale! Die beiden begeben sich auf eine abenteuerliche Reise quer durch das vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stehende Europa, um dem Geheimnis des Amuletts auf die Spur zu kommen. Denn böse Mächte sind hinter diesem her…

Was wie die Kopie eines Indiana Jones-Plots klingt, ist auch die Kopie eines Indiana Jones-Plots (der wiederum eine Hommage und Kopie diverser Pulp-Abenteuer-Serien der 30er Jahre ist). Aufgepeppt wird die archäologische Schnitzeljagd durch die Auftritte diverser Marvel-Charaktere in ihrer 30er-Jahre Inkarnation: Black Widow, Tony Stark und Electro treten auf den Plan. Natürlich dürfen auch die vom Okkulten besessenen Nazis nicht fehlen, Hollywoods liebste Bösewichte. Das Ganze liest sich schon bald ein wenig wie „Schema B“: „B“ wie „Bereits irgendwo anders gesehen“, jedoch ohne wirkliche Überraschungen zu bieten. Spider-Man selbst spielt irritierenderweise in seinem eigenen Comic zum größten Teil eine eher zweitrangige Rolle. Bis zum finalen Schuss wird er hauptsächlich in der Gegen herumgeblitzt und kann auch als Detektiv nicht überzeugen, während seine „Sidekicks“ Hu-ri und Black Widow die eigentliche Arbeit machen und einprägsame Szenen bekommen. Seltsam ist auch der Entschluss der Autorin den durch Hochhausschluchten schwingenden und akrobatische Verrenkungen machenden Spider-Man als jemanden zu porträtieren der Angst vor Höhen hat, und dem von einem holprigen Flug schlecht wird. Das ist sicher witzig gemeint, aber selbst in einem Superhelden-Comic ist ein kleines Stück Konsistenz nicht fehl am Platze.
Die Grafik in „Noir“ ist stilsicher in schwarz, grau und rot gehalten, wie die frühen Druckwerke. So kommt sofort beim Aufschlagen des Bandes die richtige Stimmung auf. Zeichner Juan Ferreyra präsentiert schöne Bildkompositionen mit vielen Schatten, in denen man das Gesicht des Protagonisten hinter Brille und Schlapphut meistens nicht erkennen kann. Das Charakterdesign mit Spidey-Maske und Fedora ist - beinahe überflüssig zu sagen - genial cool.

Eine tolle Prämisse trifft auf schönen Zeichenstil der stimmig sowohl die regnerische Welt der Trenchcoat-Detektive als auch die von Spider-Man einfängt. Die Handlung ist etwas sehr bemüht an ollen Pulp-Schinken orientiert. Ein Kochrezept ist noch nicht die fertige Suppe.

Details

Bewertung

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  • Gewalt:
  • Illustration: