Kinder- und Hausmärchen


Ausgabe letzter Hand
von Brüder Grimm, Heinz Rölleke (Hrsg.)
Rezension von Sandra Kolbinger | 09. November 2017

Es war einmal … der Froschkönig und Rotkäppchen und es war einmal der böse Wolf und die Hexe im Knusperhäuschen. Wer kennt diese Figuren nicht aus seiner Kindheit? Und wer sich regelmäßig mit Kindern umgibt, der kennt den bittenden Blick zur Schlafenszeit. Ein Märchen der Brüder Grimm soll vorgelesen werden. Das mit dem Rumpelstilzchen, nein, das mit Frau Holle! Egal für welches man sich schlussendlich entscheidet, der Griff zum Märchenbuch ist gewiss. Der Reclam Verlag brachte nun die „Kinder- und Hausmärchen“ neu heraus. Doch warum sollte man sich genau diese Ausgabe besorgen?

Bei dem Wort Reclam taucht im Kopf ein gelbes, kleines Buch auf, welches in der Schulzeit oft für Kopfzerbrechen sorgte. Doch der wissenschaftlich angesehene Verlag kann mehr, wie ihr neuester Streich beweist. Anstelle des Gelbs tritt die Grafik eines dunklen Waldes und eines roten Wolfes. Und anstelle des kleinen, flattrigen Formats hat man ein solides Hardcover-Buch in der Hand. Das ist auch nötig, um all die Märchen der Brüder Grimm unterzubringen, den diese sind streng der Ausgabe letzter Hand entnommen. Das bedeutet, dass die Märchensammlung jenes Gesicht trägt, welches Wilhelm und Jakob Grimm als letzte autorisierten. Dieses Detail ist aus zwei Gründen wichtig für das Lesevergnügen. Zum einen bedeutet es, dass die Märchenauswahl und -gestalt sich an eine spezielle Version hält. Niemand hat etwas umgedichtet und alle Veränderungen der Grimm selbst sind hier bereits abgeschlossen. Der andere Grund, warum die benutzte Basis des vorliegenden Werkes interessiert, ist der Fachterminus selbst. Damit wird ein wissenschaftlicher Anspruch kundgetan und sich vornehmlich an einen solchen Leser gerichtet. Dementsprechend gestaltet sich auch der Inhalt, welcher dem Original inkl. Vorrede und Märchenanordnung entspricht. Die Sprache ist bis auf Tippfehler dieselbe wie 1857, was auch dialektale Geschichten einschließt. Einzig weicht der Anhang ab, in dem alle Märchen, die in der Ausgabe letzter Hand nicht mehr vorzufinden waren, angeführt sind. Mit anderen Worten, absolut alle Märchen der Brüder Grimm sind in dieser Ausgabe zu finden!

Neben den vielen teils sehr, teils weniger bekannten Geschichten stellt sich besonders jener Textteil als Kaufempfehlung heraus, welcher allen Märchen, auch jenen im Anhang, nachgestellt wurde. Die Märchen werden inkl. der Reihungsnummer aufgelistet, bereinigte Fehler werden dokumentiert und eine nützliche Passage gibt Aufschluss darüber, aus welcher Ausgabe der Grimm jedes Märchen des Anhangs stammt – auch hier wird immer die letzte autorisierte Variante verwendet. Dies alles macht transparent, wie im Verlag und durch den Herausgeber Heinz Rölleke – seines Zeichens der führende Märchenexperte im deutschsprachigen Raum – in dieser Ausgabe vorgegangen wurde. Aber nicht genug, werden jedem, der sich für die Grimmschen Märchen über das Alltägliche hinaus interessiert, zwei weitere Dienste erwiesen. Diverse Nachschlagewerke und Forschungsbeiträge werden angeführt, wie sich das jeder Literaturwissenschaftler und Hobbyforscher nur wünschen kann. Als i-Tüpfelchen gewährt Rölleke im Nachwort Einblicke zu allerhand um die Märchensammlung – sei es die Entstehungsgeschichte, Deutungsmöglichkeiten oder dergleichen mehr. Wie unschwer zu erkennen ist, findet man in diesem Werk eine fundierte Auseinandersetzung mit den „Kinder- und Hausmärchen“, zudem ist es aber auch ein formschönes Märchenbuch für Erwachsene. Einzig jenen ist es nicht zu empfehlen, die bunte Illustrationen schätzen. Man beließ es bei wenigen originären Abbildungen.

Reclam und Heinz Rölleke schaffen bei der neuesten Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm den Spagat zwischen wissenschaftlich nutzbarer Märchensammlung und hochwertigem Lesebuch für Erwachsene. Das handliche und moderne Design des Einbandes harmoniert überraschend gut mit dem der Vorlage getreuen Inhalt und das Nachwort macht Lust sich länger und ausschweifender mit den altbekannten und neu entdeckten Märchen auseinanderzusetzen. Grundsätzlich spricht auch nichts dagegen, aus dieser Ausgabe seinen Kindern vorzulesen. Bilder lassen sich bekanntlich auch mit Worten malen.

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