Die Götter müssen sterben

von Nora Bendzko
Rezension von Stefan Cernohuby | 19. Juli 2021

Die Götter müssen sterben

Dem Tod haftet eine gewisse Endgültigkeit an. Zumindest Menschen haben es noch niemals geschafft, selbigem dauerhaft ein Schnippchen zu schlagen, abgesehen vielleicht von dem was sie hinterlassen. Aber wie sieht es mit Wesen aus, die gemäß ihrer Definition eigentlich unsterblich sind? Nora Bendzko widmet sich in „Die Götter müssen sterben“ nicht allein dieser Frage, sondern setzt sich auch mit mythologischen Ereignissen rund um und während des Trojanischen Kriegs auseinander.

Ein Volk am Scheideweg

Als Amazone wird man in der Regel geboren. Und doch gibt es Ausnahmen. Eine von ihnen ist Areto, die in Athen der von Theseus verschleppten Amazone Antiope dient. Als ihr Volk die Stadt belagert und Areto missbraucht und gegen ihren Willen verheiratet werden soll, ergreift sie Theseus‘ Schwert, tötet ihren Ehemann und schließt sich den Amazonen an. Doch das macht sie längst nicht zu einer Amazonenkriegerin. Diese tragen nicht nur göttliches Blut in sich, sie stehen auch einigen der Bewohner des Olymps nahe. Da ist Ares, der die Königinnen der Amazonen gerne an vorderster Front im Trojanischen Krieg sähe, und Artemis, die großes Interesse an ihnen und ebenfalls eigene Pläne für das Volk hat. Als die Göttin inmitten einer Zeit des Chaos gerade Areto erwählt und ihr ein göttliches Geschenk macht, führt dies genauso zu Unruhe wie der Tod einer weiteren Amazonenkönigin.

Starke Charaktere in vielfältiger Ausprägung

Die Perspektiven wechseln und stellen unterschiedliche Charaktere vor. Eine weiter wichtige Persönlichkeit ist Clete Schildhaut, eine der mächtigsten Kriegerinnen, die sich trotz ihrer Kampfeslust hauptsächlich der Verteidigung ihrer Lieben verschrieben hat. Königin Penthesilea hat ihrem Volk mehrere Geheimnisse aus ihrer Vergangenheit verschwiegen, die für den Eintritt der Amazonen in den Trojanischen Krieg entscheidend sein könnten. Ebenfalls wichtige Rollen kommen der eher rustikalen Bremusa, der beinahe unbezwingbaren Lacomache und nicht zuletzt Iphito, dem tanzenden Schwert, zu. Sier ist Vielseelige und gehört einer Gruppe an, die nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen ist.

Macht, Manipulation und Missbrauch

Die Handlung des Buchs springt in der Zeit hin und her. Vergangenheit und Gegenwart der Charaktere und selbst die Perspektive der Götter, sie alle münden in einen Krieg, der alle Konventionen vergessen lässt und zahllose Opfer kostet. Es geht aber nicht nur um den Krieg und um die Protagonisten. Es geht um Machtstrukturen, Manipulation und Missbrauch auf allen Ebenen. Man wird mit Charakteren konfrontiert, die dagegen aufbegehren, als Figuren in einem größeren Spiel zu dienen. Man erkennt festgefahrene Strukturen, die nur schwierig aufgebrochen werden können. Selbst Traditionen der Amazonen stehen auf den Prüfstand, insbesondere was Vielselige angeht.

Die Gesamtkomposition

Zweifellos hat Autorin Nora Bendzko einer Geschichte rund um Amazonen und den Trojanischen Krieg viele Ingredienzien hinzugefügt, welche schon für sich allein interessant sind. Aus manchen wurden bereits im Vorfeld Streitobjekte gemacht. Zu Recht? Nein. Es gab einige Stimmen, die sich im Vorfeld über die Verwendung von Neopronomen für nichtbinäre Menschen kritisch äußerten. Dabei sind selbige so in die Geschichte eingebunden, dass sie sich wie selbstverständlich lesen. Auch Homosexualität und Polyamorie sind auf realistische und nicht aufgeregte Art in die Handlung eingebunden und lassen Lesende durchaus über die Originalvorlagen nachdenken. Erotische Szenen, unabhängig von den Beteiligten, kommen in unterschiedlichem Detailgrad vor.
Ein Perspektivwechsel war auch bei vielen der klassischen „Helden“ überfällig. Das Entführen einer Frau führt mit nüchternem Blick selten dazu, dass zu ihrem Entführer in großer Liebe entflammt. Plünderungen, Vergewaltigungen im Auftrag, all das wird in anderen Büchern in der Regel in Nebensätzen abgehandelt, weil es nicht jene Themen sind, von denen man gerne liest. Kein Wunder, dass die Götter sterben müssen.
Trotz der positiven Aspekte gibt es auch ein paar Kritikpunkte. Die Zeit- und Perspektivwechsel im Werk verwirren mitunter, insbesondere, wenn dann plötzlich eine göttliche Sichtweise mit eingestreut wird. Und obwohl das ganze Buch sich nur um eines dreht, eine – alternativ zu den überlieferten Sagen – direkte Beteiligung der Amazonen im Trojanischen Krieg, sind die eigentlichen Höhepunkte der Handlung andere, nicht das Gemetzel am Ende des Werks, welches das Ende eines Zeitalters markiert.

Nora Benzko hat mit „Die Götter müssen sterben“ einen Roman über Amazonen, den Trojanischen Krieg und dessen Götter geschrieben und dabei viele aktuelle gesellschaftliche Themen verarbeitet. Der Wechsel der Erzählsicht von den „klassischen“ Helden der griechischen Sagen zu den Kriegerinnen mit einem völlig anderen Wertekodex macht das nicht nur möglich, sondern auch glaubwürdig. Einige Zeitsprünge und etwas unerwartete Perspektivwechsel sind alles, was den Gesamteindruck des Werks ein wenig trüben. Dennoch ist „Die Götter müssen sterben“ ein gelungener historisch-phantastischer Roman, den man sicherlich bald auf den Nominierungslisten einiger Literaturpreise finden wird.

Details

  • Autor/-in:
  • Verlag:
  • Genre:
  • Erschienen:
    06/2021
  • Umfang:
    512 Seiten
  • Typ:
    Taschenbuch
  • Altersempfehlung:
    16 Jahre
  • ISBN 13:
    9783426526118
  • Preis:
    14,99 €

Bewertung

  • Gesamt:
  • Spannung:
  • Anspruch:
  • Humor:
  • Gewalt:
  • Gefühl:
  • Erotik: