Die Schriftenhändlerin

von Brenda Vantrease
Rezension von Janett Cernohuby | 25. Januar 2009

Die Schriftenhändlerin

Mit seinem Anschlagen der 95 Thesen an der Schlosskirche in Wittenberg, leitet Martin Luther im 15. Jahrhundert die Reformation ein. Doch er war nicht der erste Gelehrte, der gegen die Fehlentwicklung in der katholischen Kirche predigte. Bereits John Wycliffe missbilligte das Tun und Handeln des Papstes und seiner Geistlichen. Auch war er der erste, der die Bibel in englische Sprache übersetzte. Wycliffes Lehren und Schriften beeinflussten den Böhmen Priester Jan Hus, der auf 1415 auf dem Konstanzer Konzil als Ketzer verbrannt wurde. Auf ihn geht auch die Hussitenbewegung zurück.
In diesem religiös unruhigen Zeitalter, in dem viele an den Lehren der katholischen Kirche zu zweifeln begannen, spielt Brenda Vantreases Roman "Die Schriftenhändlerin".

Die junge Anna lebt zusammen mit ihrem Großvater in Prag. Beide sind Anhänger des böhmischen Priesters Jan Hus, der gegen die fehlgeleiteten Lehren der römisch-katholischen Kirche predigt. Anna und ihr Großvater tun jedoch viel mehr für den Reformer, als an seine Lehren zu glauben. Sie kopieren seine Schriften und die des englischen Gelehrten Wycliffe und verbreiten sie unter den Anhängern Hus. Als nach dem Tod von Annas Großvater die Verfolgung der Hussiten immer stärker wird, ist sie gezwungen zu fliehen. Sie begibt sich auf den weiten und gefährlichen Weg nach England, aus dem ihre Familie einst stammte und wo sie sich bei alten Freunden Zuflucht erhofft.
Gleichzeitig verfolgt aber auch der Erzbischof von Canterbury die Lollarden in England. Sein Verdacht fällt auf den Adligen Sir John Oldcastle, den er jedoch nicht ohne Beweise beim König der Ketzerei anklagen kann. Daher schickt er den jungen Mönch und Ablassprediger los, um Beweise gegen Oldcastle zu sammeln. Als reicher Händler verkleidet, lernt Gabriel Anna kennen - und lieben. Doch Anna gehört zu eben jenen Ketzern, gegen die der Mönch Beweise sammelt. Was wird stärker sein? Gabriels Liebe zu Anna oder seine Liebe zu Gott?

Ein altes Sprichwort sagt, man solle ein Buch nie nach seinem Umschlag beurteilen. Diese Weisheit sollte um "nach seinem Titel und seinem Klappentext" erweitert werden. Denn liest man beides, wird man das Buch schnell wieder ins Regal zurückstellen. Für Fans historischer Literatur hat es mittlerweile genug Frauenromane gegeben, in denen das schwache Geschlecht gegen seine gesellschaftliche Unterdrückung des Mittelalters kämpfte. Dieses Buch gehört nicht unbedingt in diese Kategorie, was schon sein englischer Originaltitel "The mercy seller" erahnen lässt. Stattdessen wird hier ein Blick in das Europa des 15. Jahrhunderts geworfen. Viele Priester begannen an den Lehren und der Vorgehensweise der katholischen Kirche zu zweifeln, verfassten Schriften, mit denen sie auf das wahre Wort Jesus Christus hinweisen wollten. Rom sah damit seine Autorität und Institution angegriffen und musste natürlich schleunigst gegen diese Ketzer - wie sie schon bald genannt wurden - vorgehen. Und genau in diese unruhige Zeit führt Brenda Vantrease ihre Leser.
Dabei spaltet sich die Geschichte in zwei große Handlungsstränge. Auf der einen Seite ist die junge Anna, die nach dem Tod ihres Großvaters gezwungen ist, nach England zu Freunden zu fliehen. Auf der anderen Seite geht England ebenso hart gegen Häretiker vor. Während Anna sich in ihrer neuen Heimat Frieden und ein neues Leben erhofft, weiß der Leser, dass sie dort ebenso verfolgt werden wird, wie zuvor in Prag. Kann dieser Roman ein glückliches Ende finden?
Der Roman ist durchgehend fesselnd und mitreißend erzählt. Ihre Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet und lassen im Verlauf der Handlung eine bewegte Vorgeschichte durchklingen.
Schade ist nur, dass beim Binden des Buches etwas geschlampt wurde, befinden sich doch auch schon in ungelesenem Zustand einige Seiten in fortgeschrittener Auflösung.

'

Zusammengefasst liegt mit "Die Schriftenhändlerin" ein sehr schöner historischer Roman vor. Man sollte sich nicht durch Titel und Klappentext irritieren lassen. Denn das Buch ist bei weitem mehr, als eine dramatische Liebesgeschichte zwischen einer jungen Hussitin und einem Ablassprediger, denn sie erzählt von den religiösen Umbrüchen Europas im 15. Jahrhundert. Empfehlenswert.

Details

  • Autor/-in:
  • Verlag:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    09/2007
  • Umfang:
    608 Seiten
  • Typ:
    Hardcover
  • ISBN 13:
    9783809024965
  • Preis:
    19,95 €

Bewertung

  • Gesamt:
  • Spannung:
  • Anspruch:
  • Humor:
    Keine Bewertung
  • Gewalt:
    Keine Bewertung
  • Gefühl:
    Keine Bewertung
  • Erotik:
    Keine Bewertung