Bis daß der Tag euch scheidet


Rezension von Stefan Cernohuby | 05. Juli 2009

Bis daß der Tag euch scheidet

So manches Mal denkt man sich beim Lesen von Klassikern oder dem Verfolgen von Theaterstücken, dass einige Charaktere vielleicht mehr Beachtung hätten finden können oder dass ihre eigene Sichtweise durchaus interessant für den Leser hätte sein können. Ist man dann noch ein bekannter Künstler und Schriftsteller, wird kaum jemand laut aufschreien, wenn man eine Eingebung hat, welche eine solche Erzählung zur Folge hat. Peter Handke hat mit „Bis daß der Tag euch scheidet“ oder „Eine Frage des Lichts“ einen Monolog verfasst, der sich mit dem Stück „Das letzte Band“ von Samuel Beckett auseinandersetzt.

Der Monolog, der quasi aus dem Grab erklingt, stammt von einer Frau – Krapps Frau? Sie beschreibt sich selbst als Person, für die keine Spitz- oder Künstlernamen mehr nötig sind. Denn nicht Krapp präsentiert die Geschichte seines Daseins, sondern sie. Sie, die Frau neben ihm. Rücksichtslos und ungeschönt stellt sie Verhaltensweisen von Krapp zur Diskussion, seine Entwicklung als Individuum und seine Selbstdarstellung im Leben. So kommt sie schließlich auch auf die Frage des Lichts zu sprechen. Warum ist es nicht der Tod, der scheidet, sondern der Tag? Warum ist es das Licht, das so bedeutsam für die Darstellung im Zentrum einer Geschichte ist? Eine Frage, die Peter Handke zumindest anhand der Charaktere aus Becketts erläutert – und doch hat er noch andere Hintergedanken.

Der Monolog, der insgesamt knapp 21 Seiten hat, ist ursprünglich – vergleichbar mit Becketts Schaffen – auf Französisch verfasst worden. In dem bei Suhrkamp erschienenen Buch sind sowohl die ursprüngliche französische Fassung aus dem Jahr 2007, als auch die übersetzte Version aus dem Jahr 2008 enthalten. Er selbst bezeichnet das Werk, seinen eigenen Monolog, als Beispiel. Als Beispiel dafür, dass nach Beckett eigentlich keine eigenen Theaterstücke mehr entstanden sind, sondern nur noch Sekundärwerke. Zugleich will er weitere Reduktion unmöglich machen und Echos präsentieren. Und „Echo“ bezeichnet ja im Griechischen über verschiedene Gedankensprünge die Stimme einer Frau. So obliegt es nun dem Leser, die Frage zu beantworten, ob Peter Handke mit seinen Vorsätzen erfolgreich war und ob tatsächlich nur noch Stücke in Anlehnung an bereits existierende entstehen? Keine einfache Aufgabe. Selbst wenn der Leser, der sich mit dem Werk auseinandersetzt, durch Zufall tatsächlich mit Becketts „Das letzte Band“ (original „Krapp’s last Tape“) vertraut ist, müsste seine Kenntnis der Materie mehr als fundiert sein. Doch wer würde sich dann so weit aus dem Fenster lehnen und eine solche Frage mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ beantworten? Zumindest nicht der Verfasser dieser Rezension, der sich maximal auf ein unbestimmtes „Vielleicht“ festlegen möchte. Ob sich der Kauf der nicht ganz preisgünstigen Lektüre lohnt, muss man ebenfalls mit zweierlei Maß messen. Ist man Experte für Theaterstücke, ihre Autoren, die Kunstlandschaft und die aktuelle Situation der Inszenierungen, mag „Bis daß der Tag euch scheidet“ sicherlich interessant sein. Für jemanden, der sich mit den Themen nur am Rande oder sogar überhaupt nicht auseinandersetzt und überdies Beckett nicht kennt, ist dieses Buch einfach nur überteuert und sicherlich keinen Kauf wert.

Peter Handke wirft in „Bis daß der Tag euch scheidet“ Fragen für Experten auf. Fragen, die aber auch nur Experten für Theater, Literatur und die Kunstszene im Allgemeinen diskutieren können – und selbst diese hätten vermutlich Probleme sie ohne Relativierungen zu beantworten. Daher kann das Buch nur einem sehr eingeschränkten Personenkreis empfohlen werden.

Details

  • Verlag:
  • Erschienen:
    04/2009
  • Umfang:
    51 Seiten
  • Typ:
    Hardcover
  • ISBN 13:
    9783518420966
  • Preis:
    14,80 €

Bewertung

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