Batman

Niemandsland


Band 1
von Bob Gale, Dennis O'Neil, Devin Grayson, Ian Edginton, Alex Maleev (Illustrator)
Rezension von Gabriel Zupcan | 04. August 2017

Niemandsland

Das Undenkbare ist eingetreten: die US-Regierung hat sich nach zahlreichen Katastrophen entschlossen, Gotham City evakuieren zu lassen und das Stadtgebiet zu einer abgeriegelten No-Go-Area erklärt. Neben entflohenen Wahnsinnigen harren einige starrsinnige Bürger in ihrer verwüsteten Heimatstadt aus und trotzen den apokalyptischen Umständen. Die Stadt braucht ihren Wächter so dringend wie nie zuvor, doch dieser ist nirgendwo zu sehen. Und selbst dann – was kann ein einzelner Mann gegen den Untergang der Zivilisation tun, selbst wenn er Batman ist?

Das „Niemandsland“-Event beherrschte die Batman-Serien zum Jahrtausendwechsel und sorgte für viel Gesprächsstoff. Die Autoren hatten radikale Schritte gewagt, die eine logische Konsequenz der vorausgegangenen apokalyptischen Events waren. Das Ausgangsszenario des „Niemandslands“ war aufregend wie kaum ein Batman-Event zuvor. Im Stich gelassen von der Regierung und vom Militär unter Quarantäne gestellt, bringen verschiedene Fraktionen, angeführt von der klassischen Batman-Schurkengalerie, Stadtteile von Gotham unter ihre Kontrolle. Dort liefern sie sich dann teuflische Machtspielchen und brutale Ganggefechte, während das Militär dafür sorgt, dass keiner aus dem Riesenknast wieder heraus gelangen kann. Die Hölle auf Erden beginnt für die Einwohner. Kommt einem bekannt vor? Vermutlich, wenn man aus der Videotheken-Generation stammt, kennt man „Die Klapperschlange“ mit Kurt Russell. Personen jüngeren Datums hingegen könnte die Geschichte aus einem der besten Computerspiele der letzten Jahre bekannt sein: Arkham City. Nicht zufällig ein Batman-Spiel. Hier hat man sich großzügig an vielen Elementen des Niemandsland-Events bedient, ohne wirklich dessen Story zu kopieren. Wer das Spiel also kennt, wird sich hier keinesfalls langweilen. Es ist ähnlich, aber dann doch ziemlich anders. Denn im Gegensatz zum Computerspiel geht „Niemandsland“ noch einen Schritt weiter in Richtung „episch“. Ganz so einfach lässt sich die Mammutaufgabe Gotham City vor sich selbst zu retten nämlich nicht lösen. Der deutsche Band 1 sammelt hier gerade einmal den Beginn, ohne den Prolog („Road to No Man’s Land“/“Weg zum Niemandsland“).

Sollte man sich also auf diese komplexe Riesenstory einlassen? Die Antwort ist einfach vorwegzunehmen: absolut! Hierbei handelt es sich um eines der besten Events in der gesamten Erscheinungsgeschichte von Batman. Nicht zuletzt ist der Rezensent höchstpersönlich seinerzeit von dieser Storyline mit dem gefährlichen Virus „Superhelden-Comics“ infiziert worden. Die Geschichte um das von der Zivilisation aufgegebene Gotham beginnt bei den letzten Wächtern derselbigen: Die zurückgebliebenen Angehörigen des GCPD versuchen Recht und Ordnung im von ihnen beherrschten Stadtteil durchzusetzen und die Raubtieranarchie im Zaum zu halten. Doch nicht nur der Mangel an Munition macht ihnen zu schaffen. Auch interne Streitigkeiten über die Strategie und Moral zeichnen sich ab, und die feindlichen Gangs werden von den übelsten Psychos die Gotham zu bieten hat kontrolliert. Und ein wichtiger Verbündeter fehlt: Batman glänzt in der Stunde der Not mit Abwesenheit. An seiner statt hat ein neues Batgirl das Wappen der Fledermaus übernommen und teilt nächtliche Gerechtigkeit mit überlegener Kampfkraft aus. Doch wer ist sie? Barbara Gordon sitzt seit dem Angriff durch den Joker im Rollstuhl. Als Batman schließlich in Gotham auftaucht sieht er sich nicht nur damit konfrontiert, dass sein Zeichen entwendet wurde, sondern auch, dass seine üblichen Taktiken an Effektivität verlieren. Niemandsland reißt den Leser sogleich mit. Trotz der komplexen Ausgangslage und Hintergrund-Ballast wird durch Barbara Gordons Erzählung klar erklärt warum die Dinge so sind, wie sie sind. Das Geschehen wechselt wie eine gute Ensemble-Serie über verschiedene Perspektiven, bevor es nach langer Zeit zu Batman gelangt. Dieser ist dann keinesfalls die Hauptperson, auch wenn er im Fokus eines guten Teils der Handlung steht. Die Hauptperson ist Gotham City an sich, beziehungsweise seine verschiedenen Einwohner. Durch den steten Perspektivenwechsel gelingt nicht nur eine tiefschichtige Charakterisierung, auch wird der Grundstein für eine lange, komplexe Erzählung im Stil einer Fernsehserie gelegt. Etwas aus der Reihe tanzen zunächst die Episoden rund um Azrael, da diese weniger gut in die Hauptstory integriert sind, aber das stört im Gesamteindruck kaum. Das Artwork, insbesondere die Panels von Alex Maleev, sind atmosphärisch düster und fahl gehalten und tragen perfekt dazu bei den Text zu transportieren.

Niemandsland sollte in keiner Batman-Bibliothek fehlen. Wer noch niemals zu Batman gegriffen hat – hier ist ein perfekter Einstieg in alle modernen Batman-Storylines. Ebenso empfehlenswert für alle Fans von apokalyptischen Szenarien (wenn auch ohne Zombies) und generell für Fans komplexer Storylines, die Helden ohne Superkräfte zu schätzen wissen.

Details

Bewertung

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