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Generationsidentitäten und Vorurteilsstrukturen in der neuen deutschen Erinnerungsliteratur

von Aleida Assmann
Rezension von Sandra Kolbinger | 11. Dezember 2016

Generationsidentitäten und Vorurteilsstrukturen in der neuen deutschen Erinnerungsliteratur

Aleida Assmann ist eine Koryphäe der Geisteswissenschaften. Wer sich mit Erinnerungsforschung auseinandersetzt, kommt an ihr nicht vorbei und will das auch gar nicht – ganz besonders in Bezug auf Literaturwissenschaft. „Schatten der Vergangenheit“ ist nur eines ihrer bahnbrechenden Werke, in dem Assmann die gesellschaftlichen Traumata nach dem NS-Regime untersucht. 2005 war sie im Zuge der Sir-Peter-Ustinov-Professur zu den Wiener Vorlesungen eingeladen und nun ist ihr Vortrag nachzulesen und kritisch zu beleuchten.

Im Sinne des Titels erläutert Assmann zunächst den Begriff der „Generation“ und hält unter Zuhilfenahme anderer Forschungsstimmen fest, dass die eine Generation die andere ersetzt, weil sie folgt und neuwertig ist. Ganz nach dem Motto einer frischen Zelle, die den Platz der abgestorbenen einnimmt. Allerdings verhält sich ein Generationenwechsel unter Lebewesen etwas anders. Eine Überlappung von älteren und jüngeren Menschen führt zu der verwirrenden Situation, dass für jeden die gleiche Zeit eine andere ist, nämlich ein anderes Zeitalter seiner selbst, und dieses teilen nur die Gleichaltrigen. Neben dem erlebten Weltgeschehen gibt es auch immer so etwas wie einen generationsspezifischen Zeitgeist, der die Werte und das soziale Miteinander bestimmen. Die nachfolgende Generation kann das, was zunächst als Selbstverständlich galt (denn genau das ist der Zeitgeist), aus ihrer Perspektive thematisieren. So stellt sie den Übergang zu Vorurteilsstrukturen her. An dieser Stelle wird es allerdings komplizierter und exkursreicher. Meinungen aus der Literatur und der Forschung kommen zu Wort und selbstverständlich auch Assmanns Steckenpferd – die kollektiven Erinnerungen nach 1945. Sie zeigt, wie durch den Wertewandel entstellte Familienerinnerungen umgeformt werden, damit sie mit der Gegenwart vereinbar sind und wie genau das zu Spannungen in der Gesellschaft führt.

Doch was ist nun genau mit den Vorurteilen? So nachvollziehbar und geistreich die Ausführungen sind, auch etwa im Bezug zu Uwe Timms Versuch Erinnerungen einer Generation an die vorangegangene literarisch aufzuarbeiten, so bleibt diese Frage unbeantwortet. Assmann unterschiedet drei Vorurteilsstrukturen – umformuliert jene der Propaganda, jene der semantisch aufgeladenen Sprache und jene der Konditionierung. So wie zuvor der grundsätzliche Generationenkonflikt treffsicher erläutert wurde, werden auch an dieser Stelle alle drei Ebenen verständlich gemacht. Dennoch schließt sich der Bogen nicht völlig. Historisch betrachtet mag klar sein, dass jemand in der Waffen-SS alle Vorurteilsstrukturen erlebt: Die Gesellschaft wird mit einer Ideologie beschallt, Wörter werden mit einer starken Bedeutung aufgeladen, die mit jeder Benutzung bestätigt und damit verstärkt wird und jahrelange Konditionierung schränkt das Wahrnehmungsfeld auf das ein, was „Normal“ ist. So lassen sich in der Retrospektive die Handlungen unserer Ahnen erklären. Auch was ihre Kinder und ihre Enkelkinder mit den Erinnerungen machen – Bruch und Kontinuität. Aber neben all diesen Stärken gibt es die eine Schwäche: Es bleibt unklar, was in all dem überhaupt ein Vorurteil sein soll. Vielleicht wird der Lektüre dieses Textes die Kenntnis einer Begriffsdefinition vorausgesetzt, ohne derer man das Gesagte nicht richtig verstehen kann. Nichts desto trotz bleibt man am Ende zwar sehr viel weiser, aber leider auch etwas frustriert zurück.

Aleida Assmann ist und bleibt Expertin in Sachen Erinnerungsforschung und auch die Verschriftlichung von „Generationsidentitäten und Vorurteilsstrukturen in der neueren deutschen Erinnerungsliteratur“ bestätigt diesen Anspruch. Der Status quo der Forschung wird sowohl inhaltlich als auch stilistisch perfekt vermittelt, sei es zu Schlagwörtern wie unter anderem dem der „Generationen“ oder jenem des „Diktums der Gegenwart“. Einziger, aber nicht unwesentlicher Wermutstropfen bleibt die Frage nach dem Vorurteil an sich. Doch wer weiß, vielleicht wird man dazu ja in ihren anderen Schriften fündig.

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