Atlas der verschwundenen Länder


Weltgeschichte in 50 Briefmarken
von Björn Berge
Rezension von Elisabeth Binder | 05. Juni 2018

Atlas der verschwundenen Länder

Der norwegische Architekt und Wissenschaftler Björn Berge geht zwei Hobbies nach, mit denen er sich die ganze Welt ein Stückchen näherbringt. Er sammelt exotisches Treibgut, das ihm bei seinen jährlichen Küstenwanderungen unterkommt, und er hat den Ehrgeiz mindestens eine Briefmarke aus jedem Land zu besitzen, das jemals eine Briefmarke herausgegeben hat.

Der "Atlas der verschwundenen Länder" stellt eine sehr spezielle Auswahl aus der Sammlung des Autors dar. Es geht vorwiegend um Länder und autonome Zonen, die seit 1840, also dem Erscheinen der ersten Briefmarke, zwar aus den Atlanten und der Politik verschwunden sind, aber nicht aus der Philatelie. Die Entstehung und das Verschwinden der meisten dieser Länder und Zonen stehen im Zusammenhang mit dem Kolonialismus und teilweise auch seinen Spätfolgen. Die mindestens genauso verschwundene Österreichisch-Ungarische Monarchie beispielsweise sucht man hier deshalb vergeblich.

"Betrachten Sie das Buch lieber als eine Sammlung von Gutenachtgeschichten, die den Träumen auf die Sprünge helfen." (S. 9) Mit diesem verharmlosenden Wunsch entlässt Berge seine LeserInnen zu Ende des Vorworts in einen Reigen von Alptraumgeschichten, die sich über den Zeitraum von 1840 bis 1975 erstrecken. Die insgesamt 50 Ländervignetten sind chronologisch nach dem Erscheinen der jeweiligen Briefmarke geordnet und in sechs Kapitel aufgeteilt, deren zeitliche Begrenzungen keiner ersichtlichen historischen Logik folgen. Das Ende des zweiten Weltkriegs stellt die einzige offensichtliche Zäsur dar.

Jedes Kapitel beginnt mit einem Titel, der in wenigen Worten eine pointierte Beschreibung der Geschichte liefert, die der Autor in Folge erzählen wird ("Sibirien in der Karibik" - Panamakanalzone oder "Waffenhandel mit Ziegensuppe" - Obock). Da die Länder mit wenigen Ausnahmen keine regionalen Assoziationen hervorrufen, wird jeder Geschichte ein geographischer Steckbrief zum Land vorangeschickt. Die Angaben enthalten den Namen, die Bestandsdauer, die Bevölkerungszahl, die Größe in Quadratkilometern und eine Detailkarte, in der die Grenzen, ein paar Orte und Flüsse eingezeichnet sind. Zur besseren Verortung gibt es auch noch die Karte des dazugehörigen Kontinents eingeblendet. Wer übrigens den Überblick sucht, der wird in den Umschlagseiten fündig, wo man alle Länder und Zonen in einer Weltkarte gesammelt sieht. Zu Beginn jedes Kapitels steht dieselbe Weltkarte, mit den jeweils im Kapitel behandelten Ländern. Für einen Atlas untypisch, findet man im gesamten Buch keine Maßstabsangaben, es geht also nur um eine grobe Orientierung.

Dem kursorischen Ausflug in die Geographie folgen Geschichten zur Geschichte des Landes, die von bizarr bis brutal reichen. Die dazugehörige Briefmarke aus der Sammlung des Autors wird immer auf der dritten Seite in Bild und Text und hin und wieder auch Geschmack beschrieben und geschickt in den historischen Kontext eingebunden. Danach geht die Geschichte weiter, bis zu ihrem oft bitteren Ende. Die Kluft zwischen dem kleinen, unscheinbaren Stück Papier und dem Machtanspruch von größenwahnsinnigen Einzelgängern, Nationalromantikern oder Kolonialherren, die sich mit der Herausgabe einer Briefmarke ihre internationale Legitimität selbst verleihen, fällt dabei oft sehr groß aus. Den Abschluss des Kapitels bilden Literatur- und Filmtipps und das eine oder andere Rezept, das im Text eine wichtige Rolle spielt. Wer sich weiter in die Materie vertiefen will, wird im umfangreichen Literaturverzeichnis fündig.

Björn Berge gelingt es mit seinen elegant geschriebenen Ländervignetten - und an dieser Stelle soll auch die unaufdringliche Übersetzung lobend erwähnt werden - , in denen es unter anderem auch um Briefmarken geht, das Interesse für größere historische Zusammenhänge in der Weltgeschichte der letzten 180 Jahre zu wecken.

Details

  • Verlag:
  • Genre:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    03/2018
  • Umfang:
    240 Seiten
  • Typ:
    Hardcover
  • ISBN 13:
    9783423281607
  • Preis:
    26 €

Bewertung

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