Aufregend war es immer

von Hugo Portisch
Rezension von Stefan Cernohuby | 12. März 2017

Aufregend war es immer

In jedem Berufsstand gibt es einige Persönlichkeiten, die durch ihren Werdegang, ihre Erfahrungen und ihre Präsenz zu mehr geworden sind, als zu einfachen Vertretern ihrer Zunft. In Österreich gibt es mit Hugo Portisch einen Journalisten, der mit seiner Arbeit nicht nur mehrere Generationen von Österreichern begleitet hat, seine Werke haben zu einer völlig anderen Wahrnehmung der Geschichte des eigenen Landes geführt. Kein Wunder also, dass sein Buch „Aufregend war es immer“ anlässlich zu seinem 90. Geburtstag in einer neuen, aktualisierten Ausgabe erschienen ist.

Bei vielen Geschichten weiß man nicht genau, wann sie eigentlich begonnen haben. Bei einem Land wie Österreich ist das in gewissen Abschnitten einfacher zu sagen. Denn nach dem ersten Weltkrieg gibt es zahlreiche Tage, die man nachlesen kann. Wie solche, an denen die erste Republik ausgerufen wurde, das Land nach einer Abstimmung an Deutschland angeschlossen und schließlich wieder unabhängig wurde. In der Zwischenkriegszeit, genauer gesagt im Jahr 1927, wird Hugo Portisch in Pressburg/Bratislava geboren. Zu diesem Zeitpunkt sind Pressburg und Wien beinahe noch so etwas wie Zwillingsstädte. Mit der Straßenbahn fährt man von einer Stadt in die andere und besucht dort Theater und Sehenswürdigkeiten. Hugo Portisch wächst mit einem Vater auf, der als Chefredakteur einer der größten Tageszeitungen die Demokratie unterstützt. Etwas, das nicht sehr lange gefragt ist, denn die Redaktion wird mit der Machtübernahme durch das Deutsche Reich aufgelöst. Durch viel Glück entgeht der heranwachsende Portisch seiner Einberufung kurz vor Kriegsende und zieht zu Verwandten nach Österreich. Er wächst in einem Land auf, das nichts hat. Kein Geld, keine Chancen und vor allem keine Unabhängigkeit. Dennoch geht es langsam aufwärts. Er beginnt bei der „Wiener Tageszeitung“ zu arbeiten und lernt dort Hans Dichand kennen. Während Portisch seine spätere Frau Traudl trifft, ist jener gelernte Buchdrucker und spätere Chefredakteur der „Kronen Zeitung“ eine der prägenden Personen in seinem Leben. Portisch selbst ist oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort, als er für unterschiedliche Medien Reisen unternimmt und international bedeutende Interviews führt. Er begleitet unter anderem Bundeskanzler Raab bei einer ausgedehnten Reise durch die USA und ist einer der ersten Journalisten, die mit der militärischen Führung von China Gespräche führen. Besonders jenes mit Marschall Chen Yi, der auch Außenminister von China ist, erregt viel Aufsehen, da dieses zeitgleich zum Beginn des Vietnam-Kriegs stattfindet und Chinas Desinteresse an Vietnam in die ganze Welt hinausträgt. Für viele Jahre ist er Chefredakteur des „Kurier“. Weitere aufsehenerregende Reportagen über die UdSSR, die erste Mondlandung und die Atomwaffenarsenale und -protokolle der USA prägen sich ein. Doch am bekanntesten ist Hugo Portisch definitiv für seine jahrelange internationale Recherche in Archiven verschiedener Länder, um seine Mammutproduktionen „Österreich II“ und „Österreich I“ für den ORF umzusetzen. Eine Arbeit, die noch heute maßgeblich für die Vermittlung des Wissens über die Ereignisse in Österreich der letzten hundert Jahre ist. Dem passionierten Pilzsammler Portisch ist seine persönliche Unabhängigkeit so wichtig, dass er sogar die gemeinsame Empfehlung der Großparteien für die Wahl zum Bundespräsidenten im Jahr 1988 ablehnt.

Auf manche Bücher warten Verleger lange, aber es lohnt sich auf sie zu warten. Dem Vorwort nach musste selbiger bei „Aufregend war es immer“ ganze zwölf Jahre warten, da Hugo Portisch laut eigener Aussage nichts schwerer fällt als über sich selbst zu schreiben. Auch als der „große Welterklärer“ bekannt, hat er Zeit seines Lebens versucht, internationale Politik und Geschichte auf ein Level zu transferieren, das jeder versteht. Genau darauf beruht der große Erfolg, den seine Dokumentationen hatten. Hier wurde die Vergangenheit nicht von einem hohen Ross aus erklärt, sondern für das Verständnis der breiten Masse aufbereitet. Persönlich sieht sich Hugo Portisch in seiner mit geschichtlichen Anekdoten gespickten Autobiographie als kompromisslosen Demokraten, unabhängigen Beobachter und Befürworter eines geeinten Europas – auch wenn es nicht immer jene Entwicklung genommen hat, die er sich selbst gewünscht hätte. Demokratie, Meinungsfreiheit und unabhängige, der Wahrheit verpflichteter Journalismus gehören für ihn untrennbar zusammen. „Aufregend war es immer“ zeigt das Bild eines scharfen Beobachters, der bis heute immer noch jegliche politische Entwicklung verfolgt und diese auch mit der Vergangenheit in Kontext setzen kann. Interessant ist beispielsweise das Kapitel über den EU-Beitritt Großbritanniens, der seiner Ansicht nach bereits von Beginn an die Option eines Brexit (auch wenn der Wiederaustritt damals sicher noch nicht als solcher bezeichnet worden wäre) mit eingeplant hatte. Wie von seinen Dokumentationen gewohnt, springt Portisch von einem Gedanken zum anderen. Hier ist sein eigenes Leben der Ausgangspunkt und führt dann zu wichtigen Ereignissen in der Weltpolitik, an denen er als Journalist beteiligt war. Daher findet man als Leser hier auch keine Quellenangaben zu anderen Werken, sondern lediglich Erzählungen. Wer Wert darauf legt, dass jegliche Aussage mit einem direkten Literaturzitat oder -verweis untermauert ist, sollte daher besser zu einem anderen Werk greifen. Wer die Arbeit von Hugo Portisch kennt und schätzt, kann hier einmal dessen Leben genauer mit all dem in Bezug bringen, was zeitgeschichtlich passiert ist. Und das ist sehr interessant.

„Aufregend war es immer“ ist die erweiterte Sonderausgabe des gleichnamigen Werks aus dem Jahr 2015, ergänzt um aktuelle Entwicklungen in der Weltpolitik – erschienen anlässlich des 90. Geburtstages von Hugo Portisch. In dieser Autobiografie wird das Leben eines der bedeutendsten Journalisten des Landes mit jener Geschichte und Politik in Verbindung gebracht, über die er hauptsächlich berichtet hat und in die er involviert war. Ein Werk das zeigt, mit welchem Elan, welcher Begeisterungsfähigkeit und welcher Einstellung Portisch an die großen Projekte in seinem Leben herangegangen ist – ergänzt um gleichzeitige persönliche Einblicke. Als zeitgeschichtlich interessierter Österreicher ist das ein Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte.

Details

  • Verlag:
  • Genre:
  • Erschienen:
    02/2017
  • Umfang:
    404 Seiten
  • Typ:
    Hardcover
  • ISBN 13:
    9783711001245
  • Preis:
    15 €

Bewertung

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