T. S. Orgel im Doppelinterview

"Wir haben festgestellt, dass wir super zusammen Geschichten erfinden können."

von Stefan Cernohuby | 23. März 2018

Was mit der epischen und sehr direkten Konfrontation zweier Völker der Fantasy begann, entwickelte sich schnell zu einer Erfolgsgeschichte. Aus „Orks vs. Zwerge“ wurden letztendlich drei Romane. Nach einem Steampunk-Intermezzo gemeinsam mit Carsten Steenbergen haben T. S. Orgel mit „Die Blausteinkriege“ ihre zweite Reihe nachgelegt, die 2017 vorerst ihr Ende gefunden hat. Wir haben die Brüder Tom und Stephan Orgel zu einem Interview gebeten, um über vergangene, gegenwärtige und zukünftige Werke zu sprechen.


T. S. Orgel

Hallo Tom. Hallo Stephan. Hallo T. S..

Tom: Hallo Stefan.

Stephan: Hallo Stefan. Hallo Ich.

Vor gerade einmal sechs Jahren ist euer erster Roman bei Heyne erschienen. Hättet ihr erwartet, dass heute sieben Bücher von euch in den Buchläden stehen würden?

Tom: Nein, aber gehofft. Wir sind immer noch jeden Tag aufs Neue begeistert davon.

Stephan: Und verwundert.

Wie ist es eigentlich zu „Orks vs. Zwerge“ gekommen? Habt ihr das als Konzept angeboten?

Tom: Nicht von Anfang an. Das war etwas komplizierter und langwieriger: Wir haben unserer Agentur ein Romankonzept angeboten, das an Heyne verkauft wurde. Kurzfristig haben wir danach mit Heyne beschlossen, dass wir vielleicht besser etwas mit Fantasyrassen machen könnten, denn der Roman, den wir angeboten hatten, hatte gar keine. Das sollte als Einstieg etwas griffiger sein. Dann war die große Frage, welche. Wir haben es uns an dieser Stelle einfach gemacht: Wir haben zwei bekannte Völker genommen, die beide handfest sind, die beide gern trinken, gerne raufen, sich unglaublich ähnlich sind und sich nicht ausstehen können. Also wie … wir zwei… äh …

Stephan: Tom ist nervös, weil das Aufnahmegerät läuft.

Tom: Nein, nein. Ich meine, wir beide sind uns auch furchtbar ähnlich und verstehen uns nicht. (lacht) Nein. Wir haben damals also beschlossen: wenn wir schon zwei Leute sind, wollen wir eine Geschichte aus zwei Blickwinkeln erzählen. Also haben wir diese beiden Rassen ausgesucht, die einander grundsätzlich ähnlich sind, klassisch verfeindet und haben die Frage gestellt, warum sind sie eigentlich verfeindet sind, obwohl sie doch mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben. Das Konzept kam gut an und so haben wir es zuerst als Roman umgesetzt. Und aus dem einen Buch sind dann eben drei geworden, bevor wir wieder in die Richtung zurückkehren konnten, in die wir eigentlich zu Beginn wollten.

Wie schreibt man, wenn man gewissermaßen zwei Personen ist? Wie teilt man sich die Arbeit auf oder ein?

Stephan: Wir haben festgestellt, dass wir super zusammen Geschichten erfinden können. Auf der Fahrt nach Leipzig oder zurück von der Buchmesse, da kann man vier oder fünf Stunden überlegen und dann hat man plötzlich eine neue Idee. Die plotten wir dann zusammen aus. Wir haben meistens entweder zwei oder vier Haupthandlungsstränge, das heißt, jeder von uns bekommt einen dieser Handlungsstränge und schreibt dann relativ frei. Bis zu den Punkten, wo sich die Handlungsstränge überschneiden. An diesen Stellen muss man sich natürlich wieder zusammentelefonieren, viel zusammen plotten und überlegen, ob und wie das passt. Anschließend kann jeder wieder relativ frei schreiben – im Rahmen dieser Gesamtgeschichte natürlich. Das klappt irre gut. Inzwischen sind wir darin wirklich schon sehr versiert.

Tom: Im Grunde sind es bisher fast immer zwei Bücher gewesen, die wir geschickt zusammengemischt haben. Kapitel für Kapitel. Zwei Bücher, die von der selben Geschichte handeln aber eben aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt werden. Wir haben es uns durch die unterschiedlichen Handlungsstränge relativ einfach gemacht und erzählen die Geschichte in der Regel zweimal, oder zumindest zwei unterschiedliche Aspekte der Geschichte, die am Ende ein Ganzes ergeben.

Stephan: Erst wenn man alle Blickwinkel kennt, sieht man durch die Geschichte durch, so dass man am Ende nie genau sagen kann, wer war wirklich der Bösewicht oder wer der Gute.

Tom: Anschließend lesen wir uns gegenseitig Korrektur, gehen noch einmal drüber. So verwischen sich die leichten Schreibunterschiede, die es immer noch gibt. Inzwischen sind sie nicht mehr so groß wie bei „Orks vs. Zwerge“. Da hatte es ja auch zum Konzept gehört, dass unser Schreibstil unterschiedlich war. Das ist inzwischen nicht mehr so. Wir haben uns aufeinander eingespielt und was dann noch übrig ist, verwischt sich eigentlich in der Lektoratsphase.

Seht ihr euch persönlich öfter oder beschränkt sich euer regulärer Kontakt auf die Schreibarbeit?

Tom: Na gut, nachdem wir Geschwister sind, lässt es sich nicht ganz vermeiden, sich bei Familienfeiern über den Weg zu laufen.

Stephan: In letzter Zeit ist es ein bisschen seltener, aber das ist auch dem Berufs- und Privatleben geschuldet. Da ist es manchmal schwierig.

Tom: Es ist jetzt tatsächlich nicht so, dass wir uns wöchentlich oder alle zwei Wochen sehen. Es ist auch nicht immer nötig oder sinnvoll, aufeinander zu sitzen. Es sind die intensiven Plotting-Phasen, in denen wir dann vier oder fünf Stunden intensiv zusammen arbeiten. Meistens sind es längere Autofahrten zu Messen oder Lesungen. Das hat sich bewährt. Dabei können zwischenzeitlich aufgetauchte Probleme geklärt werden.

Ihr habt vorher gesagt hat, dass sich eure Schreibstile einigermaßen angeglichen haben. Wissen eure Lektoren noch, welcher Textabschnitt von wem stammt?

Tom: Unsere Lektorin hat uns während dem Schreiben der Blausteinkriege mal gesagt, dass sie es nicht mehr so wirklich erkennt. Früher, bei „Orks vs. Zwerge“, hat sie deutlich erkannt, wer was geschrieben hat. Jetzt erkennt man es nur noch an bestimmten Eigenheiten. Bei dir (Stephan) ist es vermutlich die Kommasetzung und bei mir bestimmte andere Fehler. Beliebte Phrasen, die aber nur von einem kommen. Aber das sind dann Dinge, die zum größten Teil im Lektorat auch noch verschwinden.

Die „Blausteinkriege“ sind in einer Welt angesiedelt, die mehr Tiefe und politische Verstrickungen besitzt, als bei „Orks vs. Zwerge“.

Tom: Behauptest du jetzt.

Behaupte ich jetzt mal salopp. Habt ihr da eure Vorstellung von Weltenbau so umsetzen können, wie ihr euch das vorgestellt habt?

Stephan: Weltenbau ist ein interessantes Thema bei uns. Ich glaube, du (Tom) hattest mal gesagt, dass du, bevor du irgendetwas geschrieben hast, sehr viel Weltenbau betrieben hast.

Tom: Unglaublich gerne!

Stephan: Er hat seitenweise irgendwelche Welten entworfen.

Tom: Alte Spielleiter-Krankheit.

Stephan: Bei mir war es das komplette Gegenteil. Ich habe überhaupt nichts entworfen und einfach so losgespielt. Auch im Rollenspiel. Inzwischen haben wir uns auch in diesem Punkt angeglichen. Ich mache vermehrt Weltenbau, Tom hat es heruntergeschraubt. Man muss es einfach ruhig angehen, die Welt entwickelt sich auch von alleine. Man fängt, an aus einem bestimmten Blickwinkel heraus zu schreiben – aus einem sehr kleinen Blickwinkel. Mit einer kleinen Figur in diesem großen Spiel.

Tom: Die Welt entwickelt sich tatsächlich bei uns während des Schreibens. Da wir mehrere Blickwinkel haben und jeder Bewohner die Welt anders sieht. Es muss nicht unbedingt die richtige Sicht sein, die derjenige hat. Das heißt, man kann die Welt auch später noch ändern, weil man einen anderen Blickwinkel einnimmt. Dadurch wird sie immer größer und entwickelt sich.

Stephan: Das was wirklich feststeht, sammeln wir. Am Ende haben wir schon eine sehr komplexe Welt aufgebaut, die sich anfangs auf eine Stadt oder ein Dorf beschränkt hat und relativ klein war.

Tom: Das haben wir absichtlich ein wenig dadurch eingefangen, dass wir in den Blausteinkriegen in jedem Band eine Karte haben. Und wenn du die drei Karten nebeneinanderlegst, unterscheiden sie sich. Das ist gewollt. Auch jeder Kartograph hat seinen Blickwinkel auf die Welt. Alles was weiter weg von Zentrum ist, von seinem Wohnort, wird zunehmend schwammiger. Wenn sich der Blickwinkel oder der Kartograph ändern, dann hat man eine andere Karte. Tatsächlich war der Unterbau, der vor dem Schreiben existierte, bei Orks vs. Zwerge viel größer. Wir haben damals Daten inklusive Karte von einer Rollenspielkampagne ausgeschlachtet, die ich einmal geleitet habe. Da gibt es also einen unglaublich reichhaltigen Fundus, den wir genommen und ein bisschen abgewandelt haben, um dann eine neue Geschichte hineinzusetzen. Bei den Blausteinkriegen haben wir anders angefangen. Wir waren in einer Stadt, zu der es nur ein sehr grobes Umfeld gab, ein paar politische und kulturelle Eckpfeiler, vage Landschaftsskizzen, ein paar Nachbarn, einen Grobplot. Je weiter die Planung fortschritt, desto mehr gestalteten wir die Karte, zum Beispiel um zu wissen, wie lange man von einem Ort zum nächsten braucht. Aber mehr Unterbau gab es nicht. Das hat sich während des Schreibens entwickelt.

Welche Charaktere eurer Romane sind euch besonders ans Herz gewachsen? Oder gibt es auch solche, die ihr zwar nicht mögt aber die wichtig sind für die Handlung?

Tom: Wir haben gelernt: Wenn man etwas schreibt, sollte man jeden seiner Charaktere mögen.

Stephan: Und das stimmt. Man sollte sich in diese Figuren hineinversetzen und verstehen, warum sie so sind. Niemand ist einfach böse. Man sitzt nicht einfach in seinem Ledersessel, streichelt die weiße Katze und lacht fies, weil man die Welt vernichten will. Das ist Blödsinn. Das sind Charaktere, die man aus James Bond kennt, aber selbst James Bond hat sich inzwischen gewandelt.

Tom: Man könnte die Frage teilen in „Mag ich die Figur?“ und „Mag ich ihren Charakter?“. Es gibt Figuren, die wir geschrieben haben, deren Charakter wir tatsächlich nicht mögen. Im echten Leben möchte ich so jemandem niemals über den Weg laufen. Aber ich mag die Figur als Figur, wie sie sich entwickelt hat, wenn sie in sich konsequent ist.

So wie Messer beispielsweise?

Stephan: Messer ist ein spezieller Charakter. Wenn man sich ihn genau anschaut, möchte man mit ihm nichts zu tun haben. Er ist ein sehr unangenehmer Mensch. Trotzdem, oder gerade deshalb lieben ihn die Leute. Der Charakter hat Ecken und Kanten.

Tom: Er ist in dem was er tut, konsequent und dabei nachvollziehbar.

Stephan: Das ist ein Paradebeispiel für einen eigentlich bösen Charakter, den die Leser mögen, weil man ihn als Autor irgendwie ins Herz geschlossen hat.

Tom: Das ist auch schon bei „Orks vs. Zwerge“ so gewesen. Da gab es zwei oder drei Charaktere, die während des Schreibens eine eigene Faszination entwickelt haben. Wenn Figuren das schaffen, werden sie selbstständig und dann kann man sie auch sehr, sehr gut schreiben.

Stephan: In „Orks vs. Zwerge“ gibt es zum Beispiel den Echsenmann. Das war im ersten Buch ein Nebencharakter, der eigentlich nur vorkam, um in einer bestimmten Szene die Helden in eine bestimmte Richtung zu bringen. Er hat schließlich ein unglaubliches Eigenleben entwickelt. Es hat immer mehr Spaß gemacht, ihn zu schreiben. Wir mussten ihn sogar irgendwann ausbremsen, weil er sich so in den Vordergrund gespielt hat. Später nahm er auf diese Art noch eine sehr wichtige Rolle ein, die anfangs überhaupt nicht geplant war. Das passiert, wenn man einfach mal eine Figur akzeptiert, wenn man ihren Charakter hinterfragt und sich selbst fragt, warum sie eigentlich da ist. Eine gute Nebenfigur ist nicht nur da, weil wir die Leser gerade nach links lenken wollen, sie hat auch eine eigene Geschichte, einen Hintergrund.

Tom: Das ist generell eine wichtige Sache, auch bei Nebenfiguren, die Nebenfiguren bleiben sollen: Man macht sich klar, dass sie eine eigene Geschichte haben, die man nur zufällig gerade nicht erzählt. Wenn man das im Kopf behält, gibt es keine Figuren, die nichtssagend sind.

Eure ersten beiden Trilogien sind nun abgeschlossen. Habt ihr vor, irgendwann zurückzukehren in diese Welten?

Tom: Wir schließen es nicht aus und können es uns sehr gut vorstellen. Bei beiden. Was wir aber ausschließen – und das haben wir uns auch von Anfang an gesagt – ist, einen vierten Band zu einer der Trilogien zu schreiben. Wir werden nicht zu den bisherigen Protagonisten als Hauptfiguren zurückkehren. Es kann natürlich sein, dass sie mal als Nebenfiguren auftauchen – das können wir uns sehr gut vorstellen. Aber wir wollen keine Endlosserien schreiben.

Stephan: Wir würden sehr gerne in der gleichen Welt, egal in welcher der beiden, weiterschreiben und uns neue Sachen ausdenken. Wir haben genug Ideen dazu.

Was sind eure nächsten Pläne? Wird es einen neuen Standalone-Roman geben? Wird es eine neue Reihe geben?

Stephan: Im Herbst soll ein Science-Fiction Roman herauskommen. Das steht schon fest. Wir schreiben auch schon fleißig daran. Es wird ein Stand Alone, also ein alleinstehender Roman, bei dem wir uns die Option zur Verlängerung offen halten. Wenn der erfolgreich wird, wenn die Nachfrage besteht, werden wir weiterschreiben. Danach soll es – wenn alles klappt – einen weiteren Fantasyroman geben. Wir werden also versuchen, unsere Schreibfrequenz zu erhöhen, soweit es möglich ist.

Tom: Der Fantasyroman wird dann vermutlich auch erst mal ein Stand Alone sein. Es steht für uns fest, dass wir vorerst keine neue Trilogie anfangen wollen. Wir wollen Einzelromane schreiben, mit abgeschlossenen Geschichten, die gleichzeitig das Potenzial bieten, aufeinander aufzubauen. Kurz: so etwas Großes, Planungsintensives wie die Blausteinkriege in Angriff zu nehmen, ist erst einmal nicht geplant. Das Konzept hat uns bei „Orks vs. Zwerge“ gut gefallen: Mit einem Einzelroman zu beginnen, dann einen zweiten Einzelroman und das Ganze mit einem dritten Einzelroman abzuschließen.

Gibt es sonst aktuelle Neuerscheinungen, auf die ihr gerne hinweisen möchtet?

Tom: (lacht) Wir haben gerade mit einem gewissen Herrn Stefan Cernohuby und Andrea Bottlinger ein Anthologieprojekt in Angriff genommen und gerade noch rechtzeitig zur Messe vollständig abgeschlossen. Es ist tatsächlich aufgrund eines Gesprächs über die „Völkerfantasy“ entstanden, das Andrea und ich vor über sechs Jahren hatten. Also noch vor „Orks vs. Zwerge“. Wir hatten damals, mehr im Scherz, überlegt: jetzt gibt es bereits Die Zwerge, es gibt Die Elfen, Die Orks, Die Drachen, es gibt Die Zauberer, Die Goblins, Die Trolle, Die Zombies – es war sogar im Gespräch, dass irgendjemand Die Zentauren schreibt. An dieser Stelle haben wir uns gefragt: was wollen die, also die Verlage, denn noch alles ausschlachten? Irgendwann kommen noch Die Putzfrauen oder Die Hausmeister … (Pause) … eigentlich gar keine doofe Idee …
Also – schon eine doofe Idee, aber eine, die man irgendwie machen muss. Die Idee hat lange gegärt, wurde jetzt endlich mit Hilfe von Stefan Cernohuby umgesetzt, und das Ergebnis heißt nun „Die Hilfskräfte – Die wahren Herren des Dungeons“. Es handelt von den Personen, die in Dungeons wirklich wichtig sind. Nämlich von denen, die die ganze Sauerei aufräumen, die die Helden und die „bösen“ Monster hinterlassen haben, die meistens auch nur Angestellte sind. Wir wollten die Geschichten derer erzählen, über die nie jemand schreibt. Nämlich die der Putztruppen, der Helfer, der Leute, die die Fallen wieder in Ordnung bringen, den ganzen Dreck wegräumen, die Fackeln aufhängen und so weiter. Und das haben wir jetzt getan. Wir haben tolle Kollegen dazu gewinnen können, Einzelgeschichten zu schreiben. Ich denke es ist eine sehr, sehr runde und gelungene Anthologie geworden. Für alle Fans der Völkerfantasy selbstverständlich.

Stephan: Ich habe bisher nur hineingeblättert, aber sie ist sehr, sehr lustig. Nicht nur meine Geschichte, sondern auch die anderen.

Dann danke ich euch für das Interview.

Stephan: Wir danken für das Interview …

Tom: … und für die Zusammenarbeit bei der Anthologie.

T. S. Orgel

T. S. Orgel im Doppelinterview